Die Londoner Zeitungen haben eine bildreichere Ausdrucksweise als die anderer Städte. Das kann nicht nur an der Sprache liegen, sondern an den Schreibern. Vom amerikanischen Tennisspieler Jim Connors schrieben sie während des Wimbledon-Turniers, er betreibe diesen Sport wie ein Straßenräuber; und das war ein zwar ruppiger, aber sicherlich treffender Vergleich. Connors, der seinen brutalen Egoismus wohl in seinem Elternhaus als einzige gültige Lebensphilosophie gelehrt erhielt, wurde im Finale dieses Turniers, das nunmehr im 101. Jahr stattfand, von dem 22jährigen Schweden Björn Borg mit solch einem glatten Resultat besiegt, daß man von einer Deklassierung hätte sprechen können.

Aber dieser Eindruck, den die Zahlen vermitteln, trügt. Borg, der neben dem legendären Fred Perry (1934–36) nun der einzige ist, der diesen Titel dreimal nacheinander gewann, spielte im Finale so, wie man es seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte – und dabei war Connors so gut, daß er jeden anderen bezwungen hätte.

Die Londoner Sportschreiber, die Borg noch vor ein paar Jahren als „Eis-Borg“ oder „Wikinger“ bezeichneten, sind schlicht zu seinem Namen zurückgekehrt, weil alle Bilder nicht richtig paßten. Das spricht für die Originalität des jungen Meisters: Borg ist Borg – er paßt in kein Klischee.

Das Endspiel dieser beiden Athleten mit dem unorthodoxen Stil, die den Rest der Tenniswelt um mindestens eine halbe Klasse überragen, war am Tag zuvor – was die Emotionen anbetrifft – sicherlich noch übertroffen worden. Da hatte die 21jährige Martina Navratilova das Finale der Damen gegen die Amerikanerin Chris Evert gewonnen: ein Mädchen, das vor knapp drei Jahren nicht mehr zurück nach Prag ging, weil es dort spielen wollte, wo es ihm Spaß machte, und nicht dort, wohin es befohlen wurde; das die Frage eines Reporters aber trotzdem dahingehend beantwortete, daß es sich bei aller Achtung vor seiner neuen Heimat Dallas/Texas als Tschechin fühle.

Wie immer nach diesem größten Tennis-Spektakel der Welt werden Rekorde gemeldet: die meisten Erdbeeren, der meiste Tee, der teuerste Schwarzmarkt, der reichhaltigste Regen, der bestbesuchte Montag der ersten Woche – und so weiter. Vieles regt an zum Lächeln, vieles ist Routine. Wimbledon hat sich nicht geändert, geändert haben sich die Spieler.

Es wird härter, präziser und im Schnitt auch besser gespielt. Favoriten können schon gegen einen Nobody in der ersten Runde straucheln. Der große Sieger Borg wußte am Schluß nicht zu erklären, wie er die ersten beiden Runden gegen den amerikanischen Riesen Amaya und den Chilenen Fillol überstanden hatte. Glück?

Die Rede ist vor allem von den jungen Amerikanern, die den Centre Court für einen Boxring halten und ihren erhöhten Adrenalinspiegel für Kampfgeist. Es hat früher in vielen Wimbledonjahren nicht so viel Temperamentsausbrüche gegeben, wie man sie heute an einem einzigen Nachmittag erleben kann. Da beginnen endlose Diskussionen um einen strittigen Ball, da werden – zugegebenermaßen oft nicht besonders scharfsichtige – Linien- und Schiedsrichter beschimpft, oder „aus Versehen“ mit Bällen beschossen.