Von Rudolf Herlt

Bundeskanzler Helmut Schmidt ist entschlossen, auch den Mißerfolg zu riskieren. Wenn der amerikanische Präsident Carter beim Treffen der Staats- und Regierungschefs aus den sieben wichtigen Industrieländern, das am kommenden Sonntag in Bonn beginnt, nicht überzeugend verspricht, daß die Vereinigten Staaten ihre Öleinfuhren drastisch drosseln werden, will der Kanzler auch den erwarteten deutschen Beitrag im Kampf gegen Wachstumsschwäche und Arbeitslosigkeit verweigern. Der Gastgeber des Bonner Weltwirtschaftsgipfels keinen Zweifel aufkommen: Der Erfolg des Treffens hängt an der Energiepolitik der Amerikaner.

Die Ölverschwendung in den Vereinigten Staaten war eine Hauptursache für den Dollar-Schock, der die Welt in der Zeit vom September 1977 bis März 1978 heimsuchte. Unbeeindruckt von steigenden Ölpreisen sind die Amerikaner weiterhin-mit Energie umgegangen, als sei nichts geschehen. Ihre Öleinfuhren stiegen sogar, weil sie obendrein noch damit begannen, eine strategische Ölreserve anzulegen. Die Importe der USA überstiegen die Exporte um mehr als dreißig Milliarden Dollar. Diese Differenz zog wie ein Bleigewicht den Dollarkurs nach unten. Auch die steigenden Inflationsraten, Zeichen des Wert-Verfalls der Währung im eigenen Lande, schlugen alsbald auf den Außenwert des Dollars durch. Den Schaden hatten die Handelspartner der USA.

Kein Wunder, daß sie von Carter Abhilfe verlangten. Aber seine Administration schlug zurück. Die Schuld für die Flaute, so konterte sie, liege in Bonn. Denn die Bundesregierung weigere sich, der Wirtschaft genügend Wachstumsspritzen zu verabreichen. Den Japanern werfen die Amerikaner vor, daß sie eine aggressive Exportpolitik betreiben, ausländische Waren von ihren Märkten aber fernhalten. Großbritannien und Frankreich – aber nicht nur diese – sannen immer intensiver über offene und versteckte Schutzmaßnahmen nach. Mit ihren protektionistischen Wünschen fanden sie bei der Europäischen Kommission in Brüssel nicht nur ein offenes (Davignon-) Ohr, sondern wirksame Unterstützung.

Die Unfreundlichkeiten, die die Regierungen austauschten, steigerten sich bis zum verbalen catch-as-catch-can. Erst im März wurde bei den Vorbereitungen zum Weltwirtschaftsgipfel allmählich von Konfrontation auf Kooperation umgeschaltet. Der Motor dazu war die richtige Erkenntnis, daß der Wirtschaftskrise nur beizukommen ist, wenn die großen Industrieländer ihre Wirtschaftspolitik aufeinander abstimmen. Weder die Lokomotivtheorie (Bonn muß den Zug ziehen) noch die Convoi-Theorie (Bonn und ein Schwarm kleinerer Länder müssen es gemeinsam schaffen) waren dafür die richtigen Rezepte. Es bedurfte gründlicher Vorarbeit von persönlichen Beauftragten der Regierungschefs, um die Beiträge der beteiligten Länder zu einer komplementären Politik ausfindig zu machen.

Für dieses abgestimmte Verhalten war bei den Vorgesprächen folgende Formel ausgehandelt worden:

  • Carter überzeugt seine Partner, daß er die amerikanischen Öleinfuhren durch eine Abgabe drosseln wird und den Kampf gegen die Inflation entschlossen aufnimmt.
  • Der Bundeskanzler verspricht als Gegenleistung, die Bedingungen für das Wachstum der Wirtschaft in der Bundesrepublik zu verbessern. Das Mittel dazu: eine Kombination aus Steuersenkungen, Kindergelderhöhung und Innovationsförderung.
  • Giscard d’Estaing, der französische Staatspräsident, der Brite James Callaghan und der Italiener Andreotti sichern Enthaltsamkeit in Sachen Protektionismus zu.
  • Fukuda, der Japaner, erklärt, daß seine Regierung die japanischen Märkte für ausländische Erzeugnisse öffnen werde.