Individualität, wo gibt es die noch? In einem Leben zwischen Handmixer und Büchsenfleisch, zwischen Fließband und fernbedientem Radiowecker? Jeder Handgriff unseres Lebens ist verplant und vermarktet. Für die meisten Menschen ist die Anpassung eine Lebensnotwendigkeit. In der Fabrik ist Individualität eben nicht drin, bei drei bis vier Handgriffen pro Arbeitsvorgang, acht Stunden am Tag. In der Schule sieht es nicht anders aus: Kreative Fächer wie Kunst und Musik weichen immer mehr den Lernfächern. in denen man auswendig lernt, abhakt – und vergißt. In meinen Augen haben Individualisten keine Chancen. Sie werden entweder isoliert oder passen sich allmählich an, vielleicht sogar, ohne es selbst zu bemerken. Jürgen Schwien, 16 Jahre

Einen Platz für Individualisten gibt es wohl immer. Es bleibt nur die Frage, ob sie diesen Platz innerhalb der Gesellschaft behaupten können. Ohne Zweifel braucht eine Gesellschaft Individualisten, denn sie sind jene Art von Menschen, zu denen die schönen Eigenschaften gehören: Mut zu sich selbst, das Bewußtsein von Einzigartigkeit, Wert und Besonderheit. Dazu kommt eine freiere und offenere Weltanschauung und viel Phantasie. Wäre nicht die Kunst unvorstellbar ohne sie? Natürlich sind Individualisten in gewisser Weise Außenseiter, Fremdkörper in der Gesellschaft, oft genug steht ihnen die Masse verständnislos und abweisend gegenüber. Sie gehen ihren eigenen, für sie bestimmten Weg und lockern die Welt durch ihr Dasein und ihre Beiträge, machen sie interessant und lebenswert. Wir brauchen sie! Nikotin Kästner, 18 Jahre

In einer Zeit, in der die Normierung des Lebens immer weiter fortschreitet, brauchen wir den Verrückten, der der Welt zeigt, was wesentlich ist. Normierung: gut und schön vielleicht bei Papierformaten oder Füllgewichten. Doch den normierten Menschen zu schaffen, so wie Aldous Huxley ihn in der „Schönen neuen Welt“ beschreibt, wäre das Ende jeder Zivilisation. Nicht nur im wissenschaftlichen Bereich brauchen wir Menschen mit Ideen, um die Welt zu verbessern. Wir brauchen den Individualismus auch in den Bereichen der Kunst, der Mode und vor allem in der Welt der Gefühle. Wie trist, wie leer und wie langweilig wäre unsere Erde, gäbe es nicht den individuellen Geschmack, der zwar nicht unbeeinflußt von Werbung und Marktsituationen sein kann, der jedoch mit seiner unglaublichen Vielfalt erst Leben schafft.

Wenn dies erkannt ist, wenn gesehen wird, daß ein jeder von uns aufgerufen ist, Raum zu schaffen für Individualisten, wenn wir bei uns selbst beginnen, die Meinung des anderen zu tolerieren, dann sehe ich nicht schwarz für den Menschen. Schreitet jedoch die Bürokratisierung, die Reglementierung in gleichem Maße fort wie bisher, dann allerdings wird diese Welt, diese Gesellschaft an Phantasielosigkeit sterben. Wo die Verwaltung Vorrang vor der Kreativität hat, wo also kein Platz für Individualisten ist, wird Ruhe einkehren. Gefährliche Ruhe.

Christoph Lernen, 16 Jahre

Schon die geringste Abweichung von den allgemein gültigen Normen entlarvt einen als Individualisten, und gerade deshalb, weil sich unsere Gesellschaft immer stärker an einem bestimmten Punkt vorherrschender Norm Vorstellungen orientiert und sich an diesen Norm Vorstellungen festklammert, läßt sich die Behauptung aufstellen: „In dieser Gesellschaft ist der Raum für Individualisten größer denn je.“ Es ist also leicht, ein Individualist zu werden, doch es ist äußerst schwer, ein Individualist zu bleiben. In einer Gesellschaft, in der politisch Andersdenkende bestraft werden (Radikalenerlaß), in der man als ein staatsfeindliches Element behandelt wird, wenn man dem Gesellschaftssystem kritisch gegenübersteht (Heinrich Böll und andere, die es wagen, sich anders zu verhalten, als die Gesellschaft von ihnen erwartet), in der Menschen nur auf Grund von Äußerlichkeiten nicht mehr als Menschen angesehen werden (Gastarbeiter), ist es nicht einfach, seine Eigenarten und seine eigenen Gedanken öffentlich zu vertreten, also ein Individualist zu sein. Selbst wenn man nur die Wahrheit verbreitet, wird man schon angeklagt und als ein von der Gesellschaft Abweichender hingestellt (Hochhuth).

Allerdings muß man heutzutage nicht besonders viel Individualität besitzen, um ein Individualist zu sein. Man muß allerdings viel Mut haben in einer Gesellschaft, die einem keinen Platz einräumen will, um als ein Individualist bestehen zu können. Michael Mroß, 17 Jahre