Die zur Zeit wohl bedeutendste und auf jeden Fall höchst sehenswerte archäologische Ausstellung wird jetzt – nachdem sie zuvor in Tokio, Oslo, Stockholm, Helsinki, Genf und Kopenhagen war – in Hildesheim gezeigt, im Roemer- und Pelizaeus-Museum. Unter dem Titel „Sumer, Assur, Babylon“ rückt sie jenes Land ins Licht, in dem – nach der Schöpfungsgeschichte – einst das Paradies lag und wo Menschen, zuerst seßhaft wurden, wo aber mit der Vertreibung Adams und Evas auch die Geschichte menschlichem Leidens begann, jenes Land, aus dem Abraham stammte und das wie kaum ein anderes unser kulturelles Leben beeinflußt hat, aber dennoch in Vergessenheit geriet, ein Land der Wunder und entscheidender Erfindungen: Mesopotamien, das Zweistromland zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris.

Dort erfanden die Sumerer das Rad, zunächst das aus mehreren Teilen zusammengesetzte Scheibenrad, wie es eine Standarte von Ur aus dem Jahre 2500 v. Chr. zeigt, auf der ein von Pferden gezogener Streitwagen dargestellt ist, später auch das Speichenrad. Dort entstanden frühe Stadtkulturen, und dort wurde vor mehr als 5000 Jahren eine Schrift entwickelt, anfangs in Bildzeichen, die später zur Keilschrift wurde, in der König Hammurapi vor 3750 Jahren einen Rechtskodex fixieren ließ, der 280 Rechtsgrundsätze für das tägliche Leben enthielt, wie zum Beispiel diesen: „Wenn ein Baumeister ein Haus für einen Bürger gebaut hat, aber sein Werk nicht stark gemacht hat, so daß das Haus... zusammenbricht und so den Tod des Besitzers verursacht, so soll man den Baumeister töten.“

Dort wurden von hohen Türmen aus die Gestirne beobachtet, und ein Ergebnis solcher Beobachtung war die Einteilung des Jahres in 12 Monate zu 30 Tagen und die daraus hergeleitete Einteilung des Tages in 12 Stunden und in so viele Minuten, wie das Jahr Tage hatte, also 360, womit zugleich die Gradeinteilung des Kreises gefunden war: da die Sonne in einem Tag, also in 360 babylonischen Minuten, um die Erde einen Kreis zu schlagen schien, ließ sich ein Kreis in 360 Teile oder (wie wir noch heute sagen) Grade unterteilen.

Ja, dort im Zweistromland, das im Jahre 331 vor Christi Geburt von Alexander dem Großen erobert wurde, der neun Jahre später in Babylon, das er zur Hauptstadt seines Weltreiches gemacht hatte, im Alter von 32 Jahren starb, scheinen die Silberschmiede der Parther schon vor zweitausend Jahren mit elektrischem Strom gearbeitet zu haben. Jedenfalls fanden irakische Archäologen vor dem Zweiten Weltkrieg in der Nähe von Bagdad einen gut handgroßen Apparat, der als elektrische Batterie gedeutet worden ist: ein etwa zehn Zentimeter langer Zylinder aus dünnem Kupferblech mit einem Durchmesser von etwa zweieinhalb Zentimetern, seitlich mit einer Zinn-Blei-Legierung verlötet, unten mit einer Kupferscheibe verschlossen; darin ein (stark verrosteter) Eisenstab, der offenbar ursprünglich durch einen (in Teilen noch erhaltenen) Bitumenpfropfen so gehalten wurde, daß er nirgendwo das Kupfer berührte; der freie Raum wurde mit Essig- oder Zitronensäure aufgefüllt, die als Elektrolyt diente; um den Kupferzylinder nach außen zu isolieren, war das Ganze in ein handliches Gehäuse aus Ton eingelassen (das ebenfalls noch vorhanden ist).

Wissenschaftler, die mit Nachbildungen dieses zunächst verwirrenden Fundes eine 0,5 bis 1 Volt starke Spannung erzeugten, halten es für möglich, daß die Parther solche Batterien zum Galvanisieren benutzten, indem sie den entstehenden elektrischen Strom durch ein galvanisches Bad schickten und – etwa beim Vergolden – jene Gegenstände, die vergoldet werden sollten, an den negativen Pol der Batterie anschlössen, das Gold, das sich auf den Gegenständen niederschlagen sollte, mit dem positiven Pol verbanden.

Eine so geniale Erfindung 1800 Jahre vor ihren neuzeitlichen Erfindern Galvani und Volta? Bei Teil Dubai, ebenfalls in der Nähe Bagdads, wurden Keilinschriften gefunden, die unzweifelhaft beweisen, daß mesopotamische Mathematiker den berühmten pythagoräischen Lehrsatz bereits anderthalb Jahrtausende vor Pythagoras herausgefunden hatten. Denkbar ist auch, daß jene Batterien von Heilkundigen benutzt wurden, für eine Art von Elektrotherapie, als eine geheimnisvolle Kraft. Der in Hildesheim gezeigte Fund stammt aus einem Haus, das außerhalb einer parthischen Siedlung, also allein lag und wo drei Tonschalen mit Zauberinschriften gefunden wurden. Übrigens ist dies kein Einzelfund; in Seleukia am Tigris und im benachbarten Ctesiphon, der parthischen Hauptstadt, wurden zahlreiche solcher Kupferzellen gefunden.

Die Veranstalter der Hildesheimer Ausstellung, der Ägyptologe Arne Eggebrecht, Direktor des Pelizaeus-Museums, und der Ethnologe Walter Konrad, Direktor des Roemer-Museums, zeigen nicht nur die ja recht unscheinbaren Teile einer solchen Batterie, sondern dazu einen nachgebauten Apparat, der deutlich macht, wie die Batterie einst funktioniert hat. Dies ist bezeichnend für die gesamte Ausstellung, die mit mehr als zweihundert hier bisher nie gesehenen Leihgaben aus dem Nationalmuseum des Irak in Bagdad den Besuchern – so sagt es der Untertitel – „7000 Jahre Kunst und Kultur zwischen Euphrat und Tigris“ nahebringen möchte: die Exponate, beginnend mit 7000 Jahre alten Figürchen aus Alabaster, die in Kindergräbern gefunden wurden, bis hin zu Schmuckstücken aus islamischer Zeit, als der heutige Irak das Land der Erzählungen aus tausendundeiner Nacht war, wurden nicht einfach beziehungslos aneinandergereiht, sondern es werden Verbindungen hergestellt, Entwicklungen deutlich gemacht, Funktionen erklärt – durch Schrifttafeln, durch ergänzende Tonbildschauen, wie etwa über den Gebrauch der Keilschrift, und nicht zuletzt durch einen sehr guten Katalog.