Von Diethelm Brüggemann

Seit einiger Zeit hat man den Doppelaspekt des Wortes „Geschichte“ wiederentdeckt: Es benennt, gleichzeitig, was geschehen und was darüber berichtet ist, oder, um es mit dem Titel eines Bandes der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ zu kennzeichnen: „Geschichte – Ereignis und Erzählung“ (Fink Verlag, München, 1973), Geschichte also ist immer nur das, als was sie „erzählt“ wird.

Daneben steht ein anderer Geschichts- oder Erzählbegriff, der sogar imstande ist, die Doppelheit jenes anderen zu erklären: Geschichte als „Erzählung“, und zwar als Handlungscharakter der „Erzählung“. Mit „Erzählung“ ist hier alles gemeint, was als Wort und Schrift, als sprachliche Verlautbarung der Volkstribunen, als ideologischer „Jargon“ oder als Programm politischer Parteien gesprochen, geschrieben, „erzählt“ wird. Ereignischarakter hat dies, da es, im Sinne der „Theorie der Sprechakte“ Austins, nie nur Sprache, sondern auch Handlung ist: In seinem Wortcharakter ist es Geschichte als Geschichtsinterpretation, in seinem Tatcharakter, macht es selbst Geschichte.

Dieser Ausgangspunkt wird gewählt in dem großangelegten Werk von –

Jean Pierre Werk „Totalitäre Sprachen – Kritik der narrativen Vernunft; Kritik der narrativen Ökonomie“, aus dem Frannarrativen von Irmela Arnsperger; Band I und II; Ullstein Verlag, Frankfurt, 1977; 990 S., 98,– DM.

Großangelegt: mit den beiden Untertiteln stellt es sich in die Tradition der Kritiken von Kant und Marx. Entgegen Erwartungen, die der Titel weckt, versucht der Autor also nicht, wie Viktor Klemperer, die „Lingua Tertii Imperii“, oder „Das Wörterbuch des Unmenschen“ zu (be)schreiben, sondern er sucht die „Erzählungen“ auf, die verbalen Manifestationen also derjenigen ideologischen Handlungsmuster, die in der Weimarer Republik zwischen extrem rechts und extrem links angesiedelt waren.

„Totalitäre Sprachen“, so muß man den Titel des Buches präzisieren, sind für Faye die Wortfelder, die in gegenseitiger Abstoßung und Durchdringung, in Abhängigkeit voneinander und in Ausfaltung auseinander die politisch-rhetorische Landschaft einer engbegrenzten historischen Epoche (der Weimarer Republik) und nicht des Totalitarismus insgesamt kennzeichnen, und die schließlich im Wortfeld des Nazi-Staates verschwinden.