Bislang ist es der Bundesbank nicht gelungen, den nun schon seit Wochen im Gange befindlichen Zinsauftrieb zu bremsen. Die Kurse der festverzinslichen Papiere fallen von Tag zu Tag. Die Hypothekenbanken sind gezwungen, ihre Darlehen zu versteuern. Nach der offiziellen Version haben wir es aber noch nicht mit einer Zinstrendwende zu tun, sondern nur mit einem „Zinshöcker“, der demnächst wieder verschwinden wird.

Seitdem der Kupontermin vorüber ist und keine Entlastung gebracht hat, findet die Höcker-Theorie allerdings so gut wie keine Anhänger mehr. Als Anlagealternative wurden bisher die Aktien angesehen, die zum Teil in der ersten Juni-Woche neue Höchstkurse erreichten, allen voran die VW-Aktien, bei denen es zu Rekordumsätzen kam. In den letzten Tagen wurde aber auch bei den Aktien vorsichtiger disponiert. Der Börsenberufshandel stellt in vielen Papieren die bei ihnen aufgelaufenen Kursgewinne sicher. Auch Ausländer, die gerade wieder Zutrauen zu deutschen Papieren gefunden hatten, waren unter den Verkäufern zu finden. Das ist nicht nur die Folge der neuerlichen Dollar-Schwäche. Man spekuliert auch auf einen Fehlschlag des Bonner Gipfels, jedenfalls rechnet niemand mit handfesten Ergebnissen.

Ziemlich sicher sind die Börsianer, daß Bonn Steuererleichterungen beschließen wird. Nur wird niemand so recht darüber froh, weil Mindereinnahmen ohne entsprechende Streichungsvorschläge einen zusätzlichen Kreditbedarf der öffentlichen Hände auslösen müssen – und der würde zu Lasten des Rentenmarktes gehen und den Zinsanstieg beschleunigen.

Das braucht nicht unmittelbar den Aktienmarkt zu berühren, zumal dann nicht, wenn die wirtschaftliche Belebung sich verstärken sollte. Sieht man von den Sonderfällen Chemie und Stahl ab, so war auf den Hauptversammlungen der jüngsten Zeit viel Positives zu hören. Im Augenblick ist nicht zu befürchten, daß 1978 ein Jahr sinkender Dividenden werden wird. Es ist daher gut möglich, daß der Aktienmarkt noch eine Zeitlang den Zinsanstieg verkraftet, ohne selbst darauf negativ zu reagieren. Natürlich hängt vieles von dem Tempo der Zinserhöhung ab. Aber auch davon, ob es für die Anleger Ausweichmöglichkeiten gibt. Bis jetzt ist es damit schlecht bestellt. K. W.