Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juli

Der proletarische Bezirk, wo einst die Arbeiter Freiheit vom Zarenjoch forderten – in der vergangenen Woche wurde er zur Klagemauer der Moskauer Juden. An die blaßgelbe Wand des Eckhauses Silbergasse/Tessinskijweg drängte sich, zeitweilig gestützt von Freunden, eine 70jährige Frau. Mit jedem Tag sank sie ein Stück mehr in sich zusammen. Ida Milgrom, Mutter des als Hochverräter angeklagten Bürgerrechtlers Anatolij Schtscharanskij, erhielt auf ihre Bitten um Einlaß in den Gerichtssaal fünf Tage lang zynisch-hinhaltende Bescheide – bis der geschlossene, grüne Kleinwagen mit ihrem Sohn nach der Urteilsverkündung davonbrauste. Da brandete noch einmal die ohnmächtige Klage der etwa 50 Bürgerrechtler gegen die Postenkette aus Miliz und Geheimdienst: „Banditen, Faschisten – habt ihr denn keine Mütter?“

Doch Antwort kam auch am fünften Tag nur von Leonid. Der Bruder Schtscharanskijs durfte als einziger im Gerichtssaal anwesend sein. Umringt von Korrespondenten, Dissidenten und Agenten verkündete er am Ende in prasselndem Regen und mit brüchiger Stimme: „Dreizehn Jahre Freiheitsentzug – davon drei Jahre Gefängnis, zehn Jahre Lager.“ Während im Gerichtssaal die sowjetische „Öffentlichkeit“ das Urteil mit dem Ruf „Man sollte ihn aufhängen!“ quittiert hatte, stimmten Schtscharanskijs Freunde im vergilbten Hinterhof der Revolution die israelische Hymne Hatikva (Hoffnung) an. Die Hoffnung hat der 30jährige Computer-Ingenieur in der Tat nicht fahren lassen. Als sein eigener Verteidiger zog er ruhig und selbstbewußt Parallelen zur Affäre Dreyfus: Auch in seinem Falle sollte die Mär vom Landesverrat in Wirklichkeit nur die Juden treffen.

Sowjetischer Vulgär-Machiavellismus

Von einem „kalten Bürgerkrieg“ freilich – wie Golo Mann die Spaltung Frankreichs nach dem Rechtsstreit um Hauptmann Dreyfus genannt hat – kann man nach den drakonischen Moskauer Abschreckungsprozessen nicht sprechen. Die sowjetischen Regimekritiker sind in den letzten achtzehn Monaten buchstäblich zu einer verschwindenden Minderheit geworden. Denn zwanzig Bürgerrechtler wurden in rabiater Weise abgeurteilt, unter ihnen zuletzt: Professor Jurij Orlow (sieben Jahre Lager, fünf Jahre Verbannung; die Berufung wurde letzten Dienstag verworfen), Alexander Ginsburg (acht Jahre verschärfte Lagerhaft) und der litauische Nationalist Pjatkus (zehn Jahre Lagerhaft). Doch wie der „unbedeutende Haufen antisowjetischer Zwerge“ (Prawda) die Supermacht Sowjetunion überhaupt hat herausfordern und vor aller Welt demaskieren können – das zeigt kein Fall exemplarischer als der des Anatolij Schtscharanskij.