ARD, Sonntag, 16. Juli: „Kritik am Sonntagabend – Gewalt im Fernsehen“

Nein, Diskussionen sollte man das nicht mehr nennen (und zwar ein für allemal), wenn eine Reihe von kundigen Herren (selten genug ist, um die andere Spezies des Menschengeschlechts zumindest symbolisch zu repräsentieren, auch noch eine Dame dabei) ... Diskussion sollte man das nicht nennen, wenn sogenannte Experten ihre vorher längst hier und dort gedruckten Monologe verlesen und der Diskussionsleiter sich auf ein „Nun aber zu Ihnen, Herr A.“ beschränkt, „ich sehe, Sie möchten noch etwas sagen“.

Wie wäre es, statt „Diskussion“ künftig „gesammelte Statements“ zu sagen – Statements, die ein Aufseher (früher „Diskussionsleiter“) in der von ihm allein zu verantwortenden Reihenfolge vortragen (besser „abreden“ im Sinne von „ablegen“ ohne Manuskript) und in Szene setzen läßt. Gesammelte Statements, unter der Regie von A abgeredet und zur Darbietung gebracht von B, C, D und E: Ja, so sind sie, die sogenannten Diskussionen am Bildschirm – das Gespräch über Gewalt im Fernsehen bewies es.

Zwei-, dreimal ein Eingehen auf den Partner – freilich nicht, um dessen Thesen zu widerlegen, sondern um Eigenes an deren Stelle zu setzen, das mit dem Vorangegangenen überhaupt nichts zu tun hatte... ansonsten sprach ein jeder für sich selbst. Keine Rede von Verklammerung, dem Wechselspiel von Proponieren und Opponieren, von These und Antithese, von Ball aufgreifen und Ballzurückwerfen, von Stichwortaufnehmen (dem parteilichen Aufpicken der catchwords) und einen Diskutanten ausgenommen – von Jonglieren mit den Begriffen: Wie ist sie auf den Hund gekommen, die alte, einst von jedem Sechzehnjährigen beherrschte Kunst der Disputation.

Scholastik hin, Scholastik her: Wieviel Witz, Argumentationskraft und Präzision enthielten selbst die Wirtshausdebatten der Scholaren noch im 18. Jahrhundert, verglichen mit der Statement-Sammlung des Deutschen Fernsehens am späten Sonntagabend. Wieviel spannender (weil sie gekonnt war) liest sich da eine studentische Kneipendebatte über die Jungfernschaft Mariens vor und nach ihrer Geburt – von den Diskussionen der Großen, in Aula, Parlament und Schloß ganz zu schweigen. Ob sie wirklich ein für allemal dahin ist, die ars disputandi? Ob sich dergleichen nicht wieder lernen läßt? Und, in gleichem Maße, wie die verlorene Kunst der Konversation neu studiert werden sollte, damit endlich auch auf dem Bildschirm wieder: vorexerziert werden kann, daß eine Diskussion sehr viel mehr sein sollte als die Summe vorgefertigter Monologe.

Lernt man sie nicht, diese Kunst, dann kann’s einem gehen wie jenen Diskutanten (in Anführungsstrichen) über das Problem der Gewalt im Fernsehen, die, unversehens von Hölzchen auf Stöckchen kommend, bei einem ganz anderen Problem anlangten – der Frage nach der Parzellierung des Programms (Wetterkarte von gleicher Wichtigkeit wie der Besuch Jimmy Carters; keine Unterscheidung zwischen Norm und Normverstoß; alles Dargebotene erscheint als gleichwertig, unableitbar und für sich) – einer Frage, die mit dem zur Debatte anstehenden Problem zwar zu tun hatte (weil sie ihm übergeordnet war), doch da mit Ausnahme des einen, der das Thema ins Gespräch gebracht hatte, die am Tisch versammelten Herren eben diesen Zusammenhang nicht so richtig durchschauten, endete auch diese Diskussion an jenem Punkt, wo Diskussionen solcher Art nun einmal zu endigen pflegen – an der Grenze des absurden Theaters.

Momos