Von Eduard Neumaier

Die Exekution einer denkwürdigen Freundschaft fand am Mittwoch und Donnerstag statt. In Peking wartete die letzte Gruppe albanischer Studenten auf den Abflug in Richtung Albanien, und in Tirana hoben die letzten wirtschaftlichen Berater aus China in Richtung Heimat ab.

Wie sich die Szene jäh gewandelt hat: Wo es am Beginn dieser Freundschaft, nach Albaniens, Bruch mit der Sowjetunion im Jahre 1961 zu wahren Ergüssen kam, wenn Chinesen in Tirana und Albaner in Peking landeten, da geht jetzt Schimpf und Schande auf die einstigen Freunde nieder. China sieht sich vom albanischen Parteiblatt Zeri i Popullit eingereiht in eine „reaktionäre Clique“, in eine Front mit „Pentagon und Nato, Wallstreet und den Ölscheichs, den Generalen der Wehrmacht und japanischen Samurais, Strauß und Mobutu“, und Peking seinerseits hält Albanien einen kleinlichen Sündenkatalog vor: Es habe chinesische Ratschläge bezüglich einiger Sicherheitseinrichtungen in bestimmten Industriezweigen ignoriert; vorsätzliche Mißwirtschaft, so heißt es in einem Artikel der chinesischen Nachrichtenagentur Hsinhua, Verleumdungen der chinesischen Hilfe und Sabotage der wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit hätten nun dazu geführt, die Hilfe einzustellen.

Die Einstellung dieser Wirtschaftshilfe war den Albanern förmlich am 7. Juli mitgeteilt worden – auf den Tag genau ein Jahr nach einer 8000 Worte zählenden, von Parteichef Enver Hodscha persönlich verfaßten Abrechnung mit chinesischen Sündern. Allerdings, die Entfremdung reicht weit zurück, bis zum Ende der sechziger Jahre.

Schon als China mit der Sowjetunion wegen der Auseinandersetzungen am Ussuri verhandelte, geriet das Bild von Mao ins Wanken – dem einzigen außer Stalin, den der hakennasige Skipetar Enver Hodscha als revolutionäre Autorität zu respektieren schien. Noch größer war der Schock, als China sich auf einen Dialog mit Washington einließ. Dies war in albanischen Augen ohne Maos Wissen und Wollen gänzlich undenkbar. Von da an wuchs die Distanz zwischen Tirana und Peking. Direkte Kritik übte Albanien zwar noch nicht, doch nahmen die theoretischen Exkurse an Intensität zu, in denen der amerikanische Imperialismus, der sowjetische Sozialimperialismus und Revisionismus und die partielle Kooperation dieser beiden, etwa bei der Abrüstung, verdammt wurden. China hätte gewarnt sein müssen.

Statt dessen sucht China offensichtlich auch eine Brücke zu den Staaten der Nato und zu den Westeuropäern zu schlagen, die in der albanischen Wertschätzung ungefähr bei den Sowjets rangieren. Endlich entwickelte China, noch dazu durch den Revisionisten Teng Hsiao-ping, die Drei-Welten-Theorie, die im Gegensatz steht zu der stalinistischen und lange von China vertretenen Einteilung der Welt in zwei Klassen, die der kapitalistisch-imperialistischen und die der sozialistischen Welt.

Nach der Drei-Welten-Theorie bilden die USA und die Sowjetunion die erste Welt, die Entwicklungsländer in Asien, Afrika und Lateinamerika die dritte Welt, zwischen ihnen stehen die entwickelten Länder als zweite Welt. Die „sozialistische Welt“ wird nach dem Pekinger Treuebruch jetzt nur noch von Albanien repräsentiert – und einigen sektiererischen Gruppen, westdeutschen, französischen, spanischen, australischen und neuerdings den Parteien Neuseelands und Dahomes.