Von Jean Améry

Man glaubt, daß man längst alles wisse, und ist doch stets von neuem tief betroffen, wenn man ein Dokument über das justizielle Wüten der stalinistischen Epoche zu lesen hat. Auch fragt man sich als Linksgesinnter, warum man damals nicht selber aufgeschrien und protestiert hat, als in den Volksdemokratien – in Ungarn Rijk, in der Tschechoslowakei Slansky, – verdiente Altkommunisten als Verräter abgeurteilt und gehenkt wurden. Ich selber war blind, hielt Krawtschenko für einen bezahlten Lügner, Koestler für nichts als einen Kaltkriegsgewinnler. So ist es wohl gut und notwendig, immer wieder Dokumente zu studieren, die Herz und Intelligenz beschämen.

Nicht daß Eugen Loebl in seiner Schrift

„Die Aussage – Hintergründe eines Schauprozesses“, Seewald Verlag, Stuttgart 1978, 250 S., 26,– DM

umwerfend Neues berichtete. Schließlich hat man unter so vielen Zeugenschaften auch Arthur Londons, den gleichen Schauplatz beschreibenden (von Costa-Gavras hervorragend mit Yves Montand in der Hauptrolle verfilmten) Bericht „L‘aveu“ zur Kenntnis genommen – der die letzten Illusionen zunichte machte. Man weiß von den finsteren Gefängniskorridoren, dem Schlüsselklirren, den Schein-Hinrichtungen, den Schreien Gemarterter oder Verzweifelter, die jeder Häftling vernahm, von all den Requisiten des Horrortheaters der stalinistischen Wirklichkeit. Kaum etwas ist noch unbekannt von der Methode, mittels derer man den Menschen zerstörte, so sehr, daß er die absurdesten Geständnisse ablegte und sich vor Fernsehkameras und Mikrophonen schließlich beim „Prozeß“ selber inbrünstig der schrecklichsten „Verbrechen gegen den Sozialismus“ bezichtigte.

Eugen Loebl machte man kirre auf vergleichst weise einfache Art: Man ließ ihn viele Monate lang in zu engen Schuhen pausenlos in seiner Zelle auf- und abmarschieren, weckte ihn zur Nacht alle zehn Minuten lang. Tortur? Ja und nein; man muß sehr vorsichtig sein mit diesem Wort. Die Sbirren Stalins, die Loebl einvernahmen, rissen ihm nicht die Fingernägel aus, drückten nicht auf seinem Körper brennende Zigaretten aus. Sie ließen die Zeit für sich arbeiten, den Hunger, die Schlafentziehung – und erreichten damit ihre Ziele ebensogut, ja besser als die Folterknechte Hitlers. Dazu kam eine psychische Marter, die den Widerständlern gegen Hitler erspart bleib: Diese wußten, daß sie Feinde des Nazi-Regimes waren; jene, die, gleich Loebl, Rajk, Arthur London, zur „Aussage“ mürbe gemacht wurden, zerstörten zugleich auch sich selber als Marxisten, die sie waren, zumeist bis zum bitteren Ende.

Hier bildet Eugen Loebl nun die Ausnahme. Nachdem er erst aussagereif geworden war und, wie er schreibt, ein Teil seines Ich bereit war zu allem, was man von ihm forderte, zu jeder Denunziation, jedem „Verrat“, wurden seine Haftbedingungen erleichtert. Er durfte lesen, studieren, von Keynes bis Einstein und Infeld, Werke über Volkswirtschaft und philosophisch-historiographische: So löste er sich von der marxistischen Dogmatik, den Tod erwartend, herbeiwünschend ohne Rancune, im Prozeß intellektueller Einsicht, wenn wir ihm glauben wollen – und seine Worte klingen überzeugend genug, daß man ihm glaube.