Der Streit um Professor Hermann Lübbes neun Thesen und der Mut zur Erziehung

Jürgen Habermas

Moralisierende Entrüstung unangebracht

Ernst Tugendhat hat an der Plattform der pädagogischen Gegenaufklärung, den neun Thesen über „Mut zur Erziehung“, scharfsinnige und scharfe Kritik geübt; Robert Spaemann, einst sein Heidelberger Kollege, verteidigt sich nicht mit Argumenten, sondern mit Entrüstung. Dabei gerate ich unverhofft in ein positives Licht als einer, der sich auf Diskurse einläßt, während Tugendhat als jemand dasteht, der sich durch Inkompetenz und „Mangel an elementarem Anstand“ disqualifiziert. Weil ich Spaemann in der Tat als fairen Diskussionspartner kenne, möchte ich ihm gerne vor Augen führen, wie er sich vergreift.

Ich will vorweg versichern, daß ich Vater von drei Kindern bin; denn Spaemann meint, daß Tugendhat im Umgang mit, Kindern nicht hinreichend geübt sei. Auf so schmaler Erfahrungsbasis unterschätze er den empirischen Gehalt der Lübbe-Thesen und unterstelle dem ehrenwerten Kreis ihrer Förderer, was sie gar nicht haben meinen können: die Zuneigung zu einem autoritären Erziehungsprogramm. Überraschenderweise kommt Albert v. Schirnding, dem man nicht nachsagen kann, bloß ein einziges Jahr an einem Gymnasium unterrichtet zu haben und in Unkenntnis der pädagogischen Literatur der letzten 15 Jahre zu leben, in seiner temperierten Analyse der Lübbe-Thesen zu genau dem gleichen Ergebnis wie Tugendhat. „In dieser These“ – es handelt sich um die vierte, die Tugendhat als Kernthese aufs Korn genommen hatte – „kommt der gegenaufklärerische Impuls des ganzen Konzepts am unverhohlensten zum Ausdruck. Wer Kinder zur Kritik erzieht, ist ein ideologischer Besserwisser und Verführer – gegen die absurde Logik solchen Besserwissertums läßt sich allerdings nicht mehr argumentieren, weil der Boden des gemeinsamen Logos, auf dem ein Dialog stattfinden könnte, schon verlassen ist. Der Vorwurf ist allerdings mindestens so alt wie die Anklage der athenischen Reaktion gegen Sokrates ... ‚Vorgegebenheiten unbefragt gelten lassen’: Kurzer kann man die Frage, was das Gegenteil von Aufklärung ist, nicht beantworten. Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wird dem Mut der Erzieher geopfert, die Kinder am Selbstdenken zu hindern. Kritik erscheint hier, unseligen Angedenkens, gleichbedeutend mit Zersetzung, gegen die Überzeugungen als tabu geschützt werden müssen.“ (Zeitschrift Merkur, H. 361, Juni 1978, S. 539 f.)

Spaemanns Entrüstung verdunkelt den einfachen Gedanken, den Tugendhat, unter den deutschen Philosophen der Gegenwart einer der wenigen mit internationaler Reputation, entwickelt. Dabei unterläuft ihm der Umkehrschluß, den Spaemann ihm ankreidet, keineswegs. Die Lübbe-Thesen drücken Erziehungsvorstellungen aus, welche die Kinder davor bewahren sollen, die Grenzen einer traditionsgebundenen Moral zu überschreiten. Das bedeutet, philosophisch gesehen, den Versuch, die Pädagogik hinter die Linie eines prinzipiengeleiteten moralischen Denkens zurückzurufen, eines Denkens also, das in den universalistischen Ethiken von Kant bis Rawls formuliert worden ist. Wenn man sich in der praktischen Philosophie ein bißchen auskennt, verschlägt einem dieser abenteuerliche Obskurantismus die Sprache. Thesen, die wie diese jeder Vernunfttradition Hohn sprechen, würden, wie Tugendhat mit Recht feststellt, in keinem westlichen Land außerhalb der Bundesrepublik überhaupt Beachtung finden. Bei uns werden sie von gesinnungsfreundlichen Kultusministern in den Stand eines administrativen Credo gehoben.

In einem Punkt muß ich freilich Herrn Spaemann gegen meinen Freund Tugendhat recht geben: Er hätte nicht auf Eichmann hinweisen sollen. Dieser Name zeigt eine Dimension des Grauens an, die jede Argumentation ersticken muß. Die Gefahren der neuen Pädagogik, die ja die alte ist, kann man sich besser an dem Typus Filbinger klarmachen: die Erziehung zur konventionellen Moral muß in Kauf nehmen, daß Individuen, die sich an „Vorgegebenheiten“ halten, auch dann noch der jeweils bestehenden Ordnung gehorchen, wenn diese sich, ohne daß es ihrer Normalität an die Stirn geschrieben wäre, ins Inhumane verkehrt hat. Hoffentlich bleibt uns, als weithin sichtbares Beispiel, Filbinger noch lange im Amte erhalten, dank der Persilscheine, die ihm Spaemanns Kollegen neuerdings ausstellen. Die Ba alität des Bösen ist der Schatten, der den guten Taten einer traditionsgebundenen Moral in einer nicht mehr traditionalen Gesellschaft auf dem Fuße folgt.