ZEIT: Herr Bundeskanzler, Sie haben eine zehntägige Gipfeltour hinter sich: erst das Treffen des Europäischen Rats in Bremen, dann den Staatsbesuch Carters, zuletzt den Weltwirtschaftsgipfel. Hat diese Höhenwanderung der Großen die Weltpolitik oder die Zukunftsaussichten verändert?

Schmidt: Der Ausdruck „Gipfel“ hat mir schon immer mißfallen; der Ausdruck „Höhenwanderung“ gefällt mir auch nicht. Es kann nicht die Absicht führender Politiker der Staaten sein, bei ihren persönlichen Begegnungen quasi innerhalb von 48 Stunden oder auch nur innerhalb eines Zeitraums von zehn Tagen die Welt zu verändern. Ihre Absichten sind viel bescheidener und konkreter.

ZEIT: Gleichwohl halten Sie Gipfeltreffen für nützlich?

Schmidt: Die diplomatischen Kanäle sind sehr zuverlässig arbeitende Instrumente. Der diplomatische Meinungs- und Gedankenaustausch kann aber zwei Dinge nicht ersetzen. Er kann zum ersten nicht die Spontaneität und Fruchtbarkeit des direkten Gesprächs ersetzen er kann zum zweiten keine zureichende Kenntnis von der Denkstruktur der zugrundeliegenden außenpolitischen oder wirtschaftspolitischen Philosophie, von den ganz persönlichen Besorgnissen und ebenso von den ganz persönlichen Aspirationen und Konzeptionen des einem gegenübersitzenden Staatsmannes vermitteln. Nach meiner eigenen Erfahrung sind persönliche Kontakte unter den verantwortlichen Politikern verschiedener Staaten von unschätzbarem Wert. Nur so fühlt man sich einigermaßen sicher, auch in ungewöhnlichen Lagen, die jeden Tag eintreten können, das Denken und die Reaktionen des anderen richtig einschätzen zu können.

Eine wichtige Erfahrung haben sowohl das Bremer Treffen als auch das Bonner Treffen bestätigt: Niemals kann eine diplomatische Konferenz innerhalb von zwei Tagen ein solches Paket von Lösungen zustande bringen, die insgesamt einen wohl abgewogenen Kompromiß zwischen divergierenden Interessen und Meinungen darstellen. Das Bremer Treffen, vor allen Dingen aber das Weltwirtschaftstreffen in Bonn ist durch persönliche Beauftragte von sehr langer Hand vorbereitet worden. Diese persönlichen Beauftragten – in unserem Fall der Berliner Zentralbankpräsident Dr. Dieter Hiss, früher einmal Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt – haben ein entscheidendes Verdienst daran, daß die Chefs dann innerhalb von 48 Stunden zum Ergebnis kommen konnten.

ZEIT: Aber, es war diesmal so, daß die Chefs selber noch verhandelt haben?

Schmidt: O ja.