Wer eine Gebrauchsanweisung zum Wandern durch den Rennsteig erwartet, für den ist es das falsche Buch:

„Rennsteig“ von Otto Ludwig, Greiffenverlag zu Rudolstadt, 627 Seiten, 16,40 Mark

Wollten westdeutsche Wanderer dem Autor auf dem Fuße folgen, müßte die DDR die Zahl der Tage, an denen Gäste aus der Bundesrepublik im Jahr einreisen dürfen, drastisch erhöhen. Denn 610 Seiten lang wanderte Otto Ludwig mit seiner Ehefrau über den Rennsteig, einem der sicherlich bewanderungs würdigsten Gebirgskämme der DDR. Immerhin erstreckt er sich über 168 Kilometer, und der Autor macht außerdem noch Abstecher, beschreibt minuziös, was er sieht und hört; kaum ein Singvogel, eine Blume, ein Baum oder ein Ausblick scheint ihm entgangen zu sein. Gleichzeitig ist das Buch auch so etwas wie ein Geschichtsbuch über den Rennsteig; immer wieder ist zum Beispiel von Fürsten die Rede, die in dieser Gegend residierten, ihrem Hang zum Wohlleben auf Kosten der Armen. Auch beim Wandern wird in der DDR die Ideologie nicht vergessen.

Es ist kaum vorstellbar, daß irgend etwas Wissenswertes über den Rennsteig in dem Buch nicht enthalten ist. Der Leser erfährt, welche Rohstoffe in diesem Gebiet gefunden wurden und werden und welche Industrien sie nach sich zogen. Er liest von Bergbau und Leinewebern, von Porzellanen, Keramiken, Glasmachern. Er läßt sich an volkseigenen Gütern vorbeiführen, mit Hähnekrähen, Hühnergackern und Entenschnattern, an Ferien- und Jugendlagern, erlebt turbulente Touristen-Rummelplätze wie den Großen Inselberg ebenso wie die Stelle menschenleerer Buchenwälder. Sicher: Wir können – aus Fragen der Zeit und der besonderen Umstände – die in dem Buch beschriebene Wanderung kaum vollständig nachmachen. Trotzdem ist das Buch für jenen, der nur ein Stückchen vom Rennsteig erwandern will – sei es in Höhe der Goethe-Gedenkstätten, sei es in der Umgebung Oberhofs – ein nützlicher Reisebegleiter; einen ausführlicheren kann er sich kaum wünschen. Me