Der Kritiker Lothar Baier hat mir Naivität vorgeworfen, weil ich in dem von mir geschriebenen Porträt der französischen Zeitschrift „Tel Quel“ (ZEIT Nr. 48, 18. November 1977) dem Leser vorenthalten habe, warum der Mitherausgeber Jean Thibaudeau das Redaktionskollegium dieser Zeitschrift habe verlassen müssen. Ich muß diesen Vorwurf aufgreifen, weil es mir notwendig erscheint, einen Punkt ganz deutlich zu machen, der für die Reihe dieser Zeitschriftenporträts, von denen das heutige das letzte von mir geschriebene sein soll, wichtig war. Es ging und geht nicht, wie Baier offenbar erwartet, um Interna oder um Klatsch. Hätte ich die Auseinandersetzung Hans Paeschkes mit dem Klett-Verlag ausbreiten sollen im Fall „Merkur“? Hätte ich, in der Geschichte von „Tel Quel“, den Weggang von Jean Pierre Paye, seine Neugründung „Changes“ und die Hintergründe dazu schildern sollen? Hätte es Sinn, wollte ich etwa über die „Akzente“ schreiben, zu wiederholen, was der Verleger Carl Hanser 1967, als mir angeboten worden war, die „Akzente“ herauszugeben, sagte: er hoffe noch immer auf eine Synthese aus „Corona“ und „Innerem Reich“?

Es ging und es geht um die Darstellung von Zeitschriften aus der Sicht des Lesers, des aufmerksamen, langjährigen, anhänglichen, kritischen und meinetwegen hier und da auch naiven Lesers. Es geht darum, aus der Fülle dessen, was eine Zeitschrift im Lesedasein eines Lesers bedeutet, und das kann manchmal ein intensives Gefangensein von Themen, Inhalten, Formulierungen sein, manchmal nur im Eindruck flüchtigen Durchblätterns bestehen, ein paar Züge herauszuholen, die mir, dem Subjekt und Leser Heißenbüttel, wichtig erscheinen. Was erwarteat werden kann von mir, ist, daß ich diese Darstellung nicht in der Zufälligkeit der Subjektivität ersticken lasse, sondern die persönliche Perspektive ausrichte an Sachgesichtspunkten, die zur Diskussion beitragen können. Das habe ich versucht, in besonderem Maße dort, wo ich Kritik und Zustimmung deutlich machen wollte, also etwa in den Porträts von „Merkur“ und „Tel Quel“.

Dies zu betonen scheint mir in besonderem Maße angebracht angesichts der Zeitschrift, über die ich heute etwas sagen möchte: „Alternative“, seit Heft 35 (1964) herausgegeben von Hildegard Brenner.

Ich bin nie ein ganz kontinuierlicher Leser dieser Zeitschrift gewesen, eher ein sporadischer, war aber immer, wenn ich gelesen habe, gefesselt, in die Diskussion, die ich ausgebreitet fand, hineingezogen. „Alternative“ hat mir Information vermittel, die ich nirgendwo sonst in der Bundesrepublik fand. Wo hätte ich 1967 Autoren gefunden, die bereit waren, die Diskussion um den Nachlaß von Walter Benjamin aufzunehmen? Die Fragen, die in Heft 56/57 und in Heft 59/60 gestellt worden sind, haben bis heute keine befriedigende Antwort gefunden. Aus Pietät gegenüber dem toten Theodor W. Adorno und aus Verlagsrücksichten bleiben bestimmte Punkte weiterhin ungeklärt. Wer hat sich sonst, wie „Alternative“ in Heft 75 (1970), des noch immer unbekannten Schriftstellers Carl Einstein angenommen? Wer hat versucht, die außerordentlich exemplarische Rolle dieses extremen Literaten und Kritikers zumindest anzudeuten? Carl Einstein, der, wäre sein Werk bekannter, vielleicht eine Rolle in unserer Diskussion spielen könnte wie Bataille in Frankreich?

Mit einer solchen Frage gehe ich möglicherweise schon zu weit, deute ich Parallelen an, die zu ziehen überhaupt nicht möglich sind. Ich habe bedauert, daß es kein deutsches „Tel Quel“ gibt (auch das ist mir angekreidet worden). „Alternative“ hat früh über „Tel Quel“ informiert. Aber ich meine nicht, daß „Alternative“ diese Rolle spielen könnte. Ichmeinte eine bundesdeutsche Zeitschrift, die politische Kritik mit progressiver Ästhetik in eins zu sehen vermöchte, und indem ich dies ausspreche, weiß ich’schon, daß es so etwas bei uns nicht geben kann. Was „Alternative“ vertritt, ist die vernünftige marxistisch-materialistische Diskussion in Sachen Literatur und Kultur. Wie ein roter Faden ziehen sich seit 1969 die bisher zehn Folgen der „Materialistischen Literaturtheorie“ durch die letzten zehn Jahrgänge. Wichtig die Methodenkontroverse in Heft 82 (1972), „Kafka als Zeuge im Klassenkampf“ in Heft 84/85 (1972), die Wiederentdeckung der Kunsttheorie von Lu Martens (1879–1970) in Heft 89, die Analyse von Christopher Cauldwells ästhetischer Theorie durch Francis Mulhern in Heft 101 (1975). Meine Frage bleibt: Wo sonst in der Bundesrepublik wird mir ein solches Diskussionsmaterial angeboten, ohne daß ich mich vorgefaßter Meinung statt Kritik oder starrem Dogmatismus gegenüber sehe?

Im Gegensatz zu den etablierten bundesdeutschen Zeitschriften wie „Merkur“ oder „Frankfurter Heften“ (und es ist mir nicht ganz klar, welche Rolle dabei ein wiedererstandener „Monat“ spielen könnte, der Kalte Krieg ist doch nun endgültig vorbei), hat die „Alternative“ sich niemals das höhere Kultur- und Politikbewußtsein zugeschrieben, welches das Zeitschriften-Establishment bei uns so langweilig macht. Es ist mir schwer verständlich, daß es Autoren gibt, die in der „Neuen Rundschau“ publizieren wollen, aber noch schwerer verständlich ist es mir, wie man diese Zeitschrift lesen kann. Im Gegensatz aber auch etwa zum „Kurs-Buch“ wird in der „Alternative“ niemals auf bloße Polemik gedrückt. Nicht Agitation, sondern alternative Fragestellung ist das Ziel. Nicht um Marxismus und Systemveränderung um jeden Preis zu demonstrieren, sondern weil eine solche alternative Fragestellung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts sinnvoll ist. Als beispielhaft sehe ich etwa die „Thesen zur Arbeiterliteratur“ in Heft 90 (1973).

Die Konsequenz der Fragestellung und der Ansatz der Diskussion hat in den Beiträgen der „Alternative“ natürlich den Marxismus zur Basis. In Weiterentwicklung marxistischer Theoreme werden Lösungen vorgeschlagen, die von der Standardmeinung der bundesdeutschen Kultur- und Literaturkritik differieren. Warum ist das interessant? Weil im zunehmend restaurativen kulturellen Klima schon der Versuch, anders zu denken, der Sache auf den Grund zu gehen, die Sache Literatur und Kultur in der Fragwürdigkeit, in der sie sich heute darstellt, zu fassen, interessanter ist als die globale normative und nur formal kritische Essayistik, die die Seiten der etablierten Zeitschriften füllt, und ich nehme vieles, das im „Kursbuch“ gedruckt ist, nicht aus.

Ein linkes Blättchen, so höre ich viele sagen, das versucht, die Fahne hochzuhalten. Warum verhärtet sich bei uns die Abneigung dagegen, marxistisch, materialistisch zu argumentieren? Warum wird bei denen, die etwas zu sagen haben, ein marxistisches Argument, immer mehr als Negativ schlechthin angesehen? Bin ich, wenn ich in Hörfunk oder Fernsehen marxistisch formuliere, schon verdächtig? Weil die Diskussion immer mehr kanalisiert wird zugunsten einer Übereinkunft, in der nichts aneckt, nichts stört und der herrschende Trend, von dem freilich niemand zu sagen weiß oder sich zu sagen traut, wohin er führen könnte, freie Bahn behält? Daß eine Zeitschrift wie „Alternative“ nicht wahrgenommen wird von der sogenannten offiziellen Kritik, ist nur ein Indiz unter vielen.

Um konkret zu bleiben, zwei Beispiele. In Heft 84/85 (1972) erschien Franz Brüggemanns Beitrag „Theodor W. Adornos Kritik an der literarischen Theorie und Praxis Bertolt Brechts“, der später als Exkurs in Brüggemanns Buch „Literarische Technik und soziale Revolution“ einging. In diesem Aufsatz findet sich der Ansatz zu einer umfassenden Kritik an Adornos ästhetischen Thesen. Diese Kritik ist noch immer nicht in Gang gekommen. Brüggemanns Fragen zielen genau auf den Punkt, der Adornos Annahmen fragwürdig hat werden lassen: die Unterstellung des autonomen Kunstwerks, der Aberglauben, Kunst könne heute noch von sich aus eine Gegenposition zur mechanisch gewordenen gesellschaftlichen Entwicklung herstellen, ein Aberglaube, den Adorno selbst am Ende, etwa in der Begründung seiner „Negative“ Dialektik“ nur noch theologisch hat ableiten können. Brüggemanns Aufsatz und Buch könnten hier eine Bresche schlagen und zu veränderten Vorstellungen führen. Sind sie bis heute irgendwo aufgenommen oder diskutiert worden?

Heft 118 (1978) ist der internen linken Ideologiekritik gewidmet, einem Thema, vor dem vermutlich der bundesdeutsche Intellektuelle, der etwas auf sich hält, von vornherein beide Hände hebt. In der in diesem Heft abgedruckten Analyse „Soziale und ideologische Krise“ von Etienne Balibar werden beispielhaft die Komponenten, welche die gegenwärtige Situation bestimmen; herausgearbeitet und befragt. Es geht um den Widerstand gegen einen neuen Irrationalismus und um die Einsicht, daß dieser nicht einfach mit den Argumenten der klassischen rationalistischen Philosophie bekämpft werden kann, daß es vielmehr darauf ankommt, die inneren Widersprüche der überkommenen philosophisch-theoretischen Diskussion zu durchschauen und aus dieser Einsicht heraus neu zu postulieren. „Diese Elemente, das heißt diese philosophischen Thesen und Kategorien wären durch eine neue philosophische Arbeit (die keine mechanische ‚Selektion‘, sondern eine tatsächlicheTransformation sein müßte) aus der Form, unter der sie produziert würden, herauszulösen, damit der grundlegende Widerspruch, aus dem sie resultieren, deutlich wird und damit ihre materialistische Tendenz aufgegriffen, erweitert und berichtigt werden kann. Selbstverständlich werden, in dieser Arbeit bestimmte Thesen und Kategorien eine weitaus wichtigere Rolle spielen als andere, insbesondere wo es um die ‚Exzesse‘ des klassischen Rationalismus geht. Das sind in erster Linie alle die Kategorien, die die objektive Allgemeinheit, die ‚absolute“ Naturkausalität behaupten, desgleichen die materielle Interaktion der Phänomene als determinierende Ursachen ihrer ,Bewegung’. Andere Kategorien wie ,Erfahrung’, ,Totalität‘ und so weiter werden zergliedert und verschoben werden müssen.“

Ich habe so ausführlich zitiert, um das Grundsätzliche des transformatorischen Ansatz’ wenigstens anzudeuten und um auch zu zeigen, daß es hier nicht um bloße Exekution des historischen Materialismus geht, sondern um den Versuch, die Fragestellung, die die gegenwärtige Situation provoziert, ernsthaft und so grundsätzlich wie möglich zu formulieren. Kann man bei „Tel Quel“ davon sprechen, daß am Ende der literarische Impuls überwiegt, daß vor allem durch das Gewicht, das Philippe Sollers auf verschiedene Weise den verschiedenen Phasen der Zeitschrift gegeben hat, literarische Realisation, literarische Praxis dennoch im Vordergrund steht, so muß man die immer neuen Vorstöße der „Alternative“als Versuch bezeichnen, die theoretische Verbindung zwischen Philosophie und Literatur, und das heißt Literatur als bestimmendes Phänomen heutiger Kultur, immer wieder neu zu knüpfen. Es ist zu fragen, ob das überhaupt noch sinnvoll ist. Ob nicht andere Überbauformen, das Erscheinungsbild dessen, was heute Kultur heißen könnte, schon stärker bestimmen als zum Beispiel das Werk Brechts.

„Alternative“ als Zeitschrift ist auch und vor allem deshalb interessant, weil darin im Gegensatz zu anderen Zeitschriften, die sich noch immer im bescheidwisserischen Glanz der besitzenden Gewißheit sonnen, die Frage auftaucht, die Frage fragwürdig gemacht wird, nach der Kultur, die wir haben und nicht haben.