Von Alfred Kantorowicz

In der seit dem Tode Francos und der Demokratisierung Spaniens neu anschwellenden Flut von Büchern über den Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939), finden sich neben den Tendenzschriften in beiden Teilen Deutschlands, aufrichtigen oder manipulierten Parteinahmen, auch nach Objektivität strebende Untersuchungen deutscher Historiker über Hintergründe und Einzelaspekte des Konflikts, der durch die Intervention von Hitler, Mussolini und Stalin zum Weltkonflikt wurde. Zu diesen Büchern ist die unlängst erschienene umfangreiche Studie von Walder L. Bernecker

„Anarchismus und Bürgerkrieg“. Zur Geschichte der Sozialen Revolution in Spanien 1936–1939, Hoffmann und Campe Hamburg 1978, 376 S., 68, – DM

zu zählen.

Bernecker gehört nicht zu den Teilnehmern oder Beobachtern der Kämpfe. Erst nach dem Eide des Zweiten Weltkrieges, 1947, geboren und nicht indoktriniert, wahrt er Abstand zu Ideologien und Doktrinen. Zu den Kommunisten, die im Interesse ihrer weltweiten Volksfrontpolitik den revolutionären Impetus der in der politischen Landschaft Spaniens vorherrschenden anarchosyndikalistischen Bewegung rückgängig machten, hält er eher kühle Distanz; die Internationalen Brigaden spielen in seinen Zusammenhängen kaum eine Rolle. Er mißt der kommunistischen Partei Spaniens selbst nach Bildung der Volksfront eine kaum merkliche Einflußnahme zu; bei den Volksfrontwahlen im Februar 1936 erhielt sie nur vier Prozent der Stimmen und war in keiner der verschiedenen Regierungen vertreten. Sogar der konservative Oppositionsführer Gil Robles verweist „die These einer kommunistischen Verschwörung ins Reich der Legende; er führt die beginnende Agrarrevolution“, die im Frühjahr 1936 nach den erfolgreichen Wahlen der Mitte-Links-Koalition einsetzte, auf „einen elementaren Landhunger mit dem pathetischen Glauben an den endlich angekommenen Zeitpunkt der Landverteilung“ zurück.

Erst als nach Beginn des Bürgerkrieges die sowjetische Hilfe für die Republik einsetzte, wuchs der Einfluß der Kommunisten sprunghaft an, bis er schon im Frühjahr 1937 den der Anarchisten und Sozialisten überwucherte. Zu offenen Kämpfen, also einem Bürgerkrieg im Bürgerkrieg, kam es zwischen diesen Gruppierungen im Mai 1937 in Barcelona. George Orwell, der Visionär der totalen Zwangsherrschaft „1984“, der als Freiwilliger auf republikanischer Seite kämpfte hat in seinem Buch „Mein Katalonien“ aus eigener Anschauung von der Unterdrückung der Anarchisten und der Trotzky nahestehenden Partei POUM berichtet; desgleichen der deutsche Anarchist Souchy und der Schweizer Paul Thalmann, nicht zuletzt auch als Beobachter Willy Brandt.

Von diesem Zeitpunkt an wurden die Versuche der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Industrie auf kommunistischen Druck hin eingedämmt oder gar rückgängig gemacht, weil sie Stalins damaliger Volksfrontpolitik, die sich den Demokraten gegenüber reputierlich zeigen wollte, widersprachen.