Das Dinner fand zum amerikanischen Erntedankfest 1976 in San Franzisko statt. Es begann um fünf Uhr nachmittags, und wie üblich gab es Truthahn. Genauer gesagt 220 Truthahne, die insgesamt 5600 amerikanische Pfund wogen, 360 Liter Soße, zweitausend Pfund süße Kartoffeln und vierzig Container Salat: Die Statistik eines langen Abschieds.

Um acht Uhr war das Mahl beendet. Hilfskräfte sammelten das Geschirr ein und säuberten den kerzenerleuchteten Raum, während einige der Gäste zu den Klängen des Berkeley Promenade Orchestra Walzer zu tanzen begannen. Um neun Uhr begann dann, wofür die fünftausend Gäste eigentlich ihre 25 Dollar Eintritt bezahlt hatten: Mit „Up On Cripple Creek“ eröffneten Rick Danko, Levon Helm, Garth Hudson, Richard Manuel und Robbie Robertson – bekannt als „The Band“ – ihr offizielles Abschiedskonzert nach mehr als sechzehn Jahren „on the road“:

Mit einer 45köpfigen Crew, darunter drei der besten Kameramänner des Neuen Hollywood (Michael Chapman, Laszlo Kovacs und Vilmos Zsigmond), filmte kein Geringerer als Martin Scorsese den neunstündigen Abend, der vor einem pathetischen Bühnenbild aus „La Traviata“, einer Leihgabe der San Francisco Opera, ablief. Der Film, an dem der Regisseur von „Hexenkessel“ und „Taxi Driver“ mehr als ein Jahr lang schnitt, zeigt nur noch einen rund zweistündigen Ausschnitt der Marathon-Gala: Nach einem einleitenden „Letzten Walzer“ – Robertson schrieb das Thema einen Tag vor dem Konzert – sind wir mitten im Konzert, das Scorsese, der als Chef-Cutter von Mike Wadleighs Dokumentation „Woodstock“ bereits 1969 Musikfilm-Erfahrung sammelte, gerafft und neu arrangiert hat.

„The Band“, oft als eines der beständigsten Folkrock-Ensembles zitiert, wurde in Woodstock als Begleitband Bob Dylans bekannt, der sie schon 1966 mit auf Welt-Tournee genommen hatte und acht Jahre später noch einmal mit ihr seine Comeback-Tournee bestritt. Nicht verwunderlich also, daß der Meister es sich nicht nehmen ließ, zum Abschied selber mit auf die Bühne zu kommen: „Forever Young“ und „Baby Let Me Follow You Down“ singt und spielt er mit der „Band“.

Doch er ist nicht der einzige Star-Gast des Abends. Ronnie Hawkins, dem die „Band“ ihre Anfänge verdankt, eröffnet den Gaststar-Reigen, der sich wie ein kleines Rocklexikon liest: Eric Clapton, Neil Diamond, Bob Dylan, Joni Mitchell, Neil Young, Emmylou Harris, Van Morrison, The Staples, Dr. John, Muddy Waters, Paul Butterfield, Ringo Starr, Ron Wood. Von Gospel, Blues und Folksong über Rock ’n’ Roll bis zum Psychedelic-, Hard- und Soft-Rock scheinen noch einmal die vielfältigen Einflüsse auf, die das Quintett im Verlauf seiner Karriere und auf sieben längst vergoldeten LPs verarbeitet hat.

Mit respektvoller Zurückhaltung musizieren selbst Superstars wie Clapton zusammen mit „The Band“. Einzig Dylan gelingt es nicht, einen Abend lang im Hintergrund zu bleiben. Kaum auf der Bühne, steht er wie selbstverständlich im Vordergrund. Der Film von Scorsese registriert solche Vorgänge genauer, als sie ein Konzert-Zuschauer wahrnehmen könnte. Sensibel wie in noch keinem Musikfilm zuvor begleitet die Kamera das Musizieren, greift Spannungsbögen auf, lenkt den Blick und damit auch das Ohr auf das Miteinander der Musiker, das Aufgreifen von Ideen.

Scorseses „Letzter Walzer“ ist endlich ein Musikfilm, der seine Zuschauer weder mit überflüssigen Bildern aus dem Zuschauerraum belästigt, noch den Blick auf pittoreske Details beschränkt, wenn man doch nichts anderes will, als den Musikern beim Spielen zuhören und zuschauen. Scorseses Kunst ist die Kunst der Beschränkung.