Essen

Seit sich HA Schult 1961 entschloß, sein Leben in die Kunst einzubeziehen, ist sein Wettlauf mit der Wirklichkeit weltweit: In einer Aktion „Venezia vive“ ließ er in der Nacht vom 10. zum 11. März 1976 von 60 Helfern 350 000 Zeitungen auf Venedigs Markusplatz verstreuen, in New York inszenierte er den Absturz eines Flugzeuges-„Crash“ in die größte Müllkippe des amerikanischen Kontinents, und den Bergkamenern schüttete er einst Anthrazit-Kohle in die Schaufenster.

Anno 1978 will Schult den Ruhrgebietsbewohnern erneut ihre Umwelt bewußt machen. „Vor Ort“ sollen sie Zeugen seiner „permanenten Auseinandersetzung mit der Wegwerfgesellschaft, den Müll- und Schuttplätzen der Konsumseligkeit“ werden. Für seine Sicht der Dinge konnte HA Schult den Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk in Essen, die Städte Bergkamen, Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Mülheim und das Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit in Nordrhein-Westfalen gewinnen.

Nach den Worten von HA Schult, eingetragenes Markenzeichen „der Macher“, ist das Ruhrgebiet „eine so faszinierende Industrielandschaft, daß auch avantgardistisch arbeitende Künstler auf diese Herausforderung reagieren müßten und sollten“. Weder in Romanen noch in Filmen, so Schult, seien die Arbeits-Welt, die Freizeit-Welt und die Familien-Welt richtig dargestellt. Und an diesem Mißstand will Schult nicht länger schuld sein.

In Ausstellungen von August bis Oktober und einer aktionsreichen Woche im September versucht „HA“, das Kürzel steht für Hans, den Beweis anzutreten, daß das Ruhrgebiet ein Kunstwerk ist. Schults Konzept für die „kunterbunte Ruhr-Tour“ ( Rheinische Post) steht bereits fest: „Geplant ist ein Ereignisfestival, welches sich die Aufgabe gestellt hat, das Thema ‚Lebens-Raum‘ mit all jenen verschiedenen Methoden zu interpretieren, derer ich mich seit mehr als einem Jahrzehnt bediene: Aktionen und Raum, Objektbild und Graphik, Photo- und Filmdokumentation, Hörfunk-Collage und Dia-Vortrag, Buch und Zeitung im Museum und auf der Straße.“

Der gebürtige Pommer, Jahrgang 1939, malt kaum noch, sondern schafft Situationen, erfährt sich selbst im Machen und läßt sich in das Gemachte ein. Und für ausgefallene Ideen ist der Beuys-Schüler allemal gut. Das zeigt das Programm der Ruhr-Tour 78 mit Tauben und Wörtern, Schrebergarten und Fußballfeld. Schult, der mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Elke Koska, seit kurzer Zeit in einer stillgelegten Fabrik in Köln lebt, hat auch in Bochum eine stillgelegte Fabrik gefunden, die akustisch wieder zum Leben erweckt werden soll – ein Beispiel für industrielle Aufbruchstimmung und Arbeitswelt.

Auf den Essener Bahnhofsvorplatz wird ein Schrebergarten transplantiert, eine Aktion, die Schult „Denkmal auf Zeit“ betitelt. Für den Mahner in der Umwelt „steht der Schrebergarten beispielhaft für die Realisation subjektiver Träume als Antwort auf die Realität der Arbeitswelt“.