Gorleben

Sie wird gebaut. Vielleicht auch nicht. Sie wird nur gebaut, wenn... Sie wird auch gebaut, wenn nicht.

Unterschiedlichste Aussagen füllen seit Wochen, seit Monaten die Seiten der hiesigen Elbe-Jeetzel-Zeitung im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg. Sie spiegeln die allgemeine Verunsicherung wider. Unerschütterlich davon überzeugt, daß zwischen Gorleben und Trebel die nukleare Entsorgungsanlage hingestellt wird, scheint nur die DWK, die „Deutsche Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen“.

Die Atomanlage werde gebaut, „ohne Rücksicht auf den Ausgang der demnächst anlaufenden Probebohrungen. Der Bau der Wiederaufbereitungsanlage ist unabhängig von der Beschaffenheit der Salzstöcke“, wurde DWK-Vorstandsvorsitzender Salander bereits Ende April in der Lokalzeitung massiv. Zu diesem Zeitpunkt gehörten der DWK – eine Gründung der zwölf größten westdeutschen Stromproduzenten – nur etwa ein Fünftel der insgesamt 1200 Hektar „Standort-Areal“. Inzwischen hat sie weiter an Boden gewonnen. Noch immer jedoch ist nicht einmal die Hälfte im Besitz der „Kernkraftmeier“ (ein Betroffener über den Betreiber)

„Sittenwidrig“ nannten die Kirchengemeinden von Gartow und Gorleben das klotzige DWK-Angebot von 4,10 Mark pro Quadratmeter – 800 Prozent über dem ortsüblichen Verkehrswert von 45 Pfennig. Da wurde eben mancher schwach, siegte der Mammon über die Moral, und rückte das verbleibende Häufchen der Standhaften immer enger zusammen. Sie treffen sich nun regelmäßig im Gartower Schloß bei Andreas Graf Bernstorff, doch die barocken Mauern sind nicht dicht. Was dort streng vertraulich beraten wird, weiß spätestens zwei Tage darauf der Gegner in Lüchow.

Sie selbst aber, die Mitglieder der Bürgerinitiative Lüchow/Dannenberg und die Bodenbesitzer um Graf Bernstorff fielen aus allen Wolken, als zufällig beim Stammtischbier in Gorleben herauskam, einer von ihnen sei abgesprungen: Bauer Herbert Tiedemann und mit ihm etwa 90 000 qm für rund 400 000 Mark. Wolf Römmig, Hamburger Rechtsanwalt und Mitglied der Bürgerinitiative: „Kein großes Grundstück aber gemeindefreies Gebiet und ohne Bebauungsplan. Es ermöglicht der DWK unter Umständen, die erste Teilgenehmigung zu beantragen.“

Nur knapp eine Woche blieb der Bürgerinitiative, um ihrerseits die Summe aufzutreiben, als Darlehen für einen weiteren Interessenten, Bauer Wiese aus Gedelitz, dessen Hof vor der Haustür der geplanten Entsorgungsanlage liegt. 2000 Darlehnsverträge wurden aufgesetzt und abgeschickt an Umweltschützer und Kernkraftgegner in Frankfurt, Berlin, Bremen, in der ganzen Bundesrepublik. Die ihrerseits die Darlehnsverträge weiter verteilten. Was dann geschah, wurde schließlich zu einem bundesweiten Solidaritätsbeweis, der schier einmalig in der Umweltschutzbewegung sein dürfte.