Von Margrit Gerste

Satan hat eine Schlappe erlitten. Ich habe eine Absage meines Studiums nach Essen geschickt. Es wäre nur unnützer und hemmender Ballast", schrieb der 19jährige Manfred an seine erstaunten Eltern. Er hatte gerade ein glänzendes Abitur gemacht und die Zulassung zum Studium der Wirtschaftswissenschaft ten in der Tasche.

Rätselhaft erschien auch Frau N. jene Postkarte, die sie von ihrem Sohn, 24 Jahre alt und Student, erhielt: "Mammi, mir geht es gut. Wie geht es Dir? Wir haben es hier alle sehr nett, und jeden Tag hören wir einen sehr anregenden Vortrag. Ich wäre noch viel glücklicher, wenn ihr auch diese Vorträge hören könntet. Entschuldigt die Schrift und die Fehler. Viele liebe Grüße, Euer..." – Merkwürdig, dachte die Mutter, ihr Junge mit der Abiturnote zwei in Deutsch hatte doch gar keine Fehler gemacht... Offenbar war der Junge irgendwie verwirrt, der Wirklichkeit entrückt.

Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen in der bayerischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, hat die Formel für das gefunden, was mit den beiden jungen Männern passiert ist: Sie haben eine "Seelenwäsche" hinter sich. Und sein katholischer Kollege, der Theologe Hans Löffelmann, nennt sie Opfer einer neuen Art von Kriminalität, der "Psychokriminalität".

Die Rede ist von jenen zahlreichen Sekten, denen nun auch nach langem Zögern das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit den Kampf angesagt hat. Seit Jahren schickten Eltern ihre Hilferufe an Bonner Ministerien, schlossen sich zu einer Selbsthilfeorganisation zusammen, zur "Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus", weil sie ihre Kinder verloren haben an die "Vereinigungskirche", die "Scientology Kirche Deutschland", "Krsna", "Kinder Gottes", "Transzendentale Meditation", "Divine Light Mission" usw., usw.

Die "Unification Church", die "Vereinigungskirche" befehligt der südkoreanische Industrielle und Waffenfabrikant Sun Myung Moon (deutsche Schreibweise: Mun). Er nennt sich "Reverend", hält sich für den "Messias", und seine "Kirche" ist letztlich nichts weiter als ein weltweites Bettel- und Verkaufsunternehmen, das ihm enormen Reichtum beschert hat. Dank seiner jungen Gefolgsleute, den "Moonies", die ein asketisches Lagerleben führen, zwölf Stunden täglich für ihn arbeiten – natürlich umsonst –, mit sanftem Zuspruch neue Gefolgsleute werben und seine verquasten "Göttlichen Prinzipien" nachbeten. Danach muß ein dritter Weltkrieg angezettelt werden, um den Kommunismus zu besiegen.

Moon ist bei seinen Kritikern als Faschist verschrieen, doch sein militanter Antikommunismus macht ihn, so scheint es, zum willkommenen Verbündeten rechtsgerichteter Kreise. So gab es noch bis vor kurzem gegenseitige Werbung und einen freundlichen Anzeigenaustausch zwischen dem Moonschien Report, der Zeitbühne des Otto von Habsburg und William S. Schlamm, Kurt Ziesels Deutschlandmagazin und Criticon. Doch trotz der haarsträubenden Informationen, die man inzwischen über den einstigen Freund Richard Nixons, Moon, hat – die New York Times wies ihm politische Wühlarbeit für den südkoreanischen Geheimdienst nach –, kann der "Reverend" unter dem Deckmantel seiner "Kirche" ungestört seine Ziele verfolgen: Geld und Macht zu erlangen.