Düsseldorf

Europas größter Heimatverein, wie sich stolz und kühn die „Düsseldorfer Jonges e. V.“ preisen, hat in seinem Kampf um Erhaltung von Eigenart und Brauchtum den bisher größten Erfolg errungen, und dies in völlig ungewohnter Konfrontation mit dem Landtag. Vom Bundespräsidenten bis zum Bäckermeister, vom General bis zu Kammersänger und Kindergärtnerin reicht die einzigartige Liste der annähernd dreitausend zahlenden Vereinsmitglieder, die wie ein Mann um das jahrhundertealte Ständehaus ringen. Dort residiert seit dreißig Jahren der Landtag, und sein Ältestenrat kam auf die teuere Schnapsidee, das historische Gemäuer zum Preise von 100 Millionen Mark um- und ausbauen zu lassen.

Nicht das viele Geld erregte das Mißfallen der „Jonges“, sondern der (von der Stadtverwaltung zunächst gutgeheißene) Plan, den herrlichen Park rings um das Ständehaus zu zerstören, die Bäume zu fällen, einen Teich trockenzulegen und damit Kindern und Alten einen beliebten Platz für Spiel und Muße zu nehmen. Obendrein wollten die Landtagsherren mit neuzeitlichen Flügelbauten das ehrwürdige Ständehaus verschandeln, weil, wie allenthalben von den 200 Abgeordneten beteuert wird, Platz geschaffen werden müßte, Platz für 200 Arbeitszimmer.

Der Rat der Landeshauptstadt, das für die Genehmigung zuständige Gremium, war zunächst in die Knie gegangen. Gegen den massiven Protest der Einwohner in diesem Düsseldorfer Zentrumsviertel sollte das Monstrum gebaut werden; der erste Spatenstich war für den kommenden Herbst vorgesehen.

Daraus wird nun nichts, denn über Nacht erwachten die „Jonges“. Ihre Anhänger rebellierten und pochten auf das Vereinsstatut,, in dem schließlich auch Denkmalspflege und Naturschutz festgeschrieben sind. Im Nu engagierte sich halb Düsseldorf. Oberstadtdirektor Gerd Högener präsentierte dem Rat der Stadt eine Ersatzlösung, die den bauwütigen Landtagsabgeordneten als Offerte des Jahrzehnts angedient wurde: Ein 3,2 Hektar großes Gelände direkt am Rhein. 100 Millionen Mark will die Landeshauptstadt für einen Park mit Parlament aufbringen!

Den Landtagsherren in der Baukommission ist das Hafengelände jedoch nicht fein genug, so daß bei der Präsentation des Düsseldorfer Angebotes noch immer keine Entscheidung fiel. Mit Karten, Bildern, Modellen und 200 Fäßchen Düsseldorfer Altbier waren Oberbürgermeister Bungert, Oberstadtdirektor Högener und Baudezernent Recknagel ins Ständehaus eingerückt und hatten die verdutzten Parlamentarier mit ihrer Alternative überfallen, wohlwissend: wenn der Landtag dazu „nein“ sagt und weiter auf dem alten Plan besteht, dann wird die Volkswut alle Fraktionen des Landtags das Fürchten lehren. Schließlich finden im nächsten Frühjahr Kommunalwahlen statt. Die „Jonges“, überparteilich bis zur linken Zehe, stehen Gewehr bei Fuß.

Es bröckelt jetzt in der Front der Abgeordneten, zumal sie am Rhein so groß bauen könnten, daß rein optisch schon der Eindruck vom Vollzeit-Parlamentarier entstehen würde. Auch darum geht es manchen von ihnen: Der Landtag wird bald auf Grund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts das Abgeordnetengehalt einführen. Über die Höhe wird in der Öffentlichkeit leidenschaftlich gestritten; kaum jemand will ansehen, daß die Volksvertreter auf Landesebene Berufspolitiker wie ihre Kollegen im Bundestag sind. Vielleicht glauben es die Leute beim Anblick des neuen Parlamentsgebäudes.