Stuttgart, im Juli

Wenn bei den Buchmachern nicht nur auf Athenagros, Flotow oder Galaxor – alles schnelle Galopper – gesetzt würde, sondern auch auf Hans Filbinger, den badenwürttembergischen Ministerpräsidenten, dann hätte der Umsatz diese Woche seinen Höchststand erreicht. Seit elf Jahren ist Filbinger der unbestrittene Renner in der Landespolitik des gläubigen, allen Außenseiterin. abholden Baden-Württembergs. Er hat Gemeinden aufgelöst, für deren Erhaltung er sich ausgesprochen hatte; er hat Beamtenstellen gestrichen, um danach um so mehr neue zu genehmigen. Hans Filbinger, der 56,7-Prozenter der Landtagswahl von 1976, hat die CDU-Politiker nach innen und nach außen überzeugend vertreten. Sein stellvertretender Landesvorsitzender, Lothar Späth, schrieb diese Woche an alle 8000 Parteimitglieder Baden-Württembergs: „Hans, Filbinger hat diesen Anspruch darauf, daß gerade seine Parteifreunde ihm nicht aus einer schwierigen Augenblicksituation heraus die Solidarität aufkündigen.“

Eine gewisse Stammtischunruhe unter den CDU-Getreuen läßt sich also nicht verheimlichen. Die einzigen, die ihren großen Parteivorsitzenden offen mit Abschiedsworten beehrt haben, sind aber ein paar junge Unionisten aus den Kreisen Ludwigsburg und Böblingen. Ein schwäbischer Rainer Barzel, wie dereinst gegen Bundeskanzler Ludwig Erhard, scheint sich in Stuttgart nicht zu finden. Wohl könnten sich einige wirtschaftlich unabhängige Christdemokraten in den nordbadischen und nordwürttembergischen Bezirksverbänden vorstellen, daß sich Hans Filbinger zu seinem 65. Geburtstag am 15. September in den Ruhestand zurückzöge. Dann könnte für eine Übergangszeit sein getreuer Finanzminister Robert Gleichauf oder sein bulliger Ernährungsminister Gerhard Weiser die Geschäfte bis zum nächsten Parteitag im Oktober weiterführen, auf dem dann sein temperamentvoller Innenminister, bis vor wenigen Wochen Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, zum Landesvater gekürt würde. Manche meinen auch, daß Filbinger spätestens im nächsten Jahr als Landesvorsitzender abgelöst werden müsse, um den Weg für einen neuen Spitzenkandidaten freizumachen: Im April 1980 sind wieder Landtagswahlen. Mit einem Hans Filbinger, der sich nach seinen eigenen Worten schon im Mai 1945 nicht mehr an die beiden von ihm einen Monat vorher unterzeichneten Todesurteile erinnern konnte, glaubt ein rundes Dutzend Intellektueller in der Landespartei kaum noch vor die Wähler treten zu können.

Andere, die längst erkannt haben, daß man Politik nicht mit Intellekt, sondern mit Intelligenz betreiben muß, vertrauen aber auf die Vierfünftel der Briefschreiber, die ihren Landesvater in der zur Parteizentrale umfunktionierten Staatskanzlei mit Vertrauensbeweisen, Fürbitten und Durchhalteparolen bestärken. Wer glaubt schon an die Unglaubwürdigkeit Hans Filbingers, nachdem auch der Rottenburger Bischof Moser dessen Verdienste bestätigt hat? In manchen Landeszeitungen bekommt man zwar mehr bedenkliche Leserbrief-Horoskope über die politische Zukunft des Ministerpräsidenten zu lesen. Die Realisten in der CDU sind sich aber einig: „Filbinger wird seine Position halten können“, wie Lothar Späth sagte. „Noch einige Zeit“ muß Filbinger durchhalten, ließ der Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel sibyllinisch verlauten. Wenn es nach Rommel ginge, bis 1983. Er, der Überraschungssieger bei den Stuttgarter Oberbürgermeisterwahlen von 1974, muß nämlich bis zu seiner Wiederwahl 1982 durchhalten, und wenn Rommel diese ebenfalls gewinnt, dann ist für ihn 1984 der Weg als Spitzenkandidat der baden-württembergischen CDU frei.

So sehen es auch alle, die wissen, daß Filbinger seinen ehemaligen persönlichen Referenten, Wahlkampfführer und Redenschreiber als den seiner noch am ehesten würdigen Nachfolger betrachtet. Also wird Filbinger wohl noch einige Zeit durchhalten müssen.

Erich Ruckgaber