Es ist ein Arbeitstag wie hundert andere im Leben einer Stewardeß: 11.30 Flugvorbesprechung, 12.40 Start mit dem Jumbo ab Düsseldorf, 17.30 Ankunft in Las Palmas/Gran Canaria, 20.00 Uhr Start ab Las Palmas, 23.00 Uhr Ankunft in Düsseldorf. Nur eines ist anders: Eine Stewardeß ist zuviel an Bord – ich, Flugbegleiterin für einen Tag.

Die Besatzung trifft sich etwa eine halbe Stunde vor Abflug zum „Briefing“, wie die Vorbesprechung im angelsächsischen Fachjargon genannt wird: Die „Purserette“ Margitta Weber, „verantwortlich für alles, was in der Kabine passiert“, fragt ihre Crew von sechs Stewardessen und sieben Stewards kurz das Einmaleins ihres Berufe ab und vergibt dann die Arbeitsanweisungen für beide Flüge. Eine halbe Stunde vor Abflug geht es zum Jumbo, der noch von allen Seiten bearbeitet wird: Die Container der Küche werden ausgetauscht, Gepäck wird aufgeladen, Techniker überprüfen die Maschinen.

An Bord muß jeder Flugbegleiter – so die offizielle Bezeichnung von Stewardessen und Stewards – zunächst sein Revier auf „Vollständigkeit und Funktionstüchtigkeit“ untersuchen. „Hört mal, wir haben unheimlich wenig Servietten, wir müssen vorsichtig damit sein“, mahnt Marlies Reichenberg uns.

Uschi, eine adrette Blonde mit leuchtenden Lippen, lackiert sich pflichtgemäß noch ihre Fingernägel – auch das gehört zum letzten Check. Ich hole das noch schnell nach. Überhaupt muß ich feststellen, daß ich – trotz Uniform – noch nicht perfekt ausgestattet bin. Meine offenen Schuhe hätten geschlossen sein müssen, am Hals fehlt ein dekoratives Tuch und die Frisur hätte auch etwas ordentlicher sein können. Doch zu spät, daran noch etwas zu ändern. „Die Paxe kommen“, geht es durch die riesige Kabine. Eine Stewardeß und ein Steward postieren sich am Eingang, um die 494 Passagiere – der Jumbo-Bauch ist voll besetzt – begrüßen und einweisen zu können.

Blaßgesichtig, mit großen Taschen, Tennisschlägern oder Schwimmflossen unter dem Arm, drängen sie herein. Mütter halten ihre Kinder an der Hand, um sie im Gewühle nicht zu verlieren, Väter bahnen den Weg. Nur langsam beruhigt Sich das Innere des Jumbos, die Passagiere sortieren sich in die Reihen, sitzen brav auf den Plätzen, schauen andächtig aus den kleinen Kabinenfenstern oder vertiefen sich in Zeitungen. Ich teile gerade Erfrischungstücher aus, als der letzte Gast, eine große, sehr blasse Dame, das Flugzeug betritt. Erregt spricht sie mit dem Steward, dann läßt sie sich zu ihrem Platz führen. Das war geschehen: Ihr Begleiter hatte es sich buchstäblich in letzter Minute, nämlich im Bus zum Flugzeug, anders überlegt und wollte nicht mehr mitfliegen.

So etwas kommt selten vor. „Die haben wohl Krach gehabt, oder er bekam plötzlich Angst vor dem Fliegen“, mutmaßt Marlies. Doch über die Ursachen dieses Privatdramas wird weniger geredet, als über das Problem, das zur Gefahr für alle Anwesenden werden könnte: Die Frau weiß nicht, was im Koffer ihres Begleiters ist – es könnte eine Bombe sein. Vielleicht wollte der Mann deshalb nicht mitfliegen. Der Koffer muß überprüft werden, und wenn dazu auch noch einmal alles Gepäck ausgeladen werden muß. Was bei einem ausgebuchten Jumbo bis zu zwei Stunden dauern kann.

Das Corpus delicti ist jedoch schneller gefunden – ohne Bombe. Und so können Vorbereitungen für den Start getroffen werden: Die Tür wird geschlossen und auf Automatik gestellt, das „Wasserballett“ tritt in Aktion, wie die Notfall-Unterweisungen der Passagiere im Luftlinien-Kauderwelsch genannt werden; mit einer Stunde Verspätung schließlich rollt der Riese auf die Startbahn und hebt steil ab nach Gran Canaria.