Es ist wie beim Kinderquartett. Die Karten mit dem Lieblingsschloß, dem Rathaus der Heimatstadt und der auf Klassenfahrt besuchten Raubritterburg haben immer die Mitspieler. Man selbst kann vielleicht Burg Katz neben Hohenschwangau stecken, bestenfalls auch das Holstentor neben Götz von Berlichingens Feste in Ellwangen. Neuschwanstein,Solitude, Schloß Brühl – immer wieder. Nichts von hier, keine Karte mit einem Bildchen, das Vertrautes aus der Umgebung zeigt. Irgendwann fliegen die Quartettkarten in die Ecke.

Ähnliches muß die Bundespost jetzt fürchten. In Norddeutschland mag man bald nicht mehr die Rückseite der Berlichingen-Burg anfeuchten. Der Heimatstolz ist gekränkt. Das Deutschlandbild, das sich auf Briefen, Karten und Paketen zusammensetzt, ist süddeutsch gemalt. Ein Abgeordneter im niedersächsischen Landtag hat dies ausgezählt, kritisch beguckt und Alarm gerufen. Eine Benachteiligung der Kultur und Architektur nordöstlich der Weser bei der Auswahl von Briefmarkenmotiven will der Politiker verhindern. Er befürchtet ein – wie er sagt – Nord-Süd-Gefälle auch der kunsthistorischen Kenntnisse der Deutschen Bundespost und meint aber wohl das Gegenteil: denn vom Süden sieht man viel auf Liebesbriefen und Mahnungsschreiben, vom Norden erheblich weniger.

Der Wirtschaftsminister zeigte Verständnis. Auch er hatte sich geärgert. Nun machte er die Verantwortlichen aus. „Bei der Entscheidung über die Ausgabe von Sonderpostwertzeichen der Deutschen Bundespost“, so klärte er den fragenden Abgeordneten auf, „wirkt ein „Beirat zur Bestimmung der Anlässe für die Ausgabe von Sonderpostwertzeichen ohne Zuschlag‘ (Programmbeirat der Deutschen Bundespost) mit. Ihm gehören je ein Mitglied der im Deutschen Bundestag bestehenden Fraktionen und je ein Vertreter der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, des Deutschen Presserates, des Bundes Deutscher Philatelisten e. V., des Bundesministers des Innern und der Deutschen Bundespost an.“ Die landsmannschaftliche Zusammensetzung dieser Motiv-Jury wurde nicht festgestellt. Schließlich kann ja auch jedermann Motive für die Postwertzeichen einreichen, mit formlosem Antrag sogar.

In Hannover denkt man jetzt an einen vereinigten norddeutschen Briefmarkenbildersturm. Der Abgeordnete, dessen scharfem Blick die Südlastigkeit der Postbilder aufgefallen war, hat Vorschläge parat. Die Landschaften und Bauten zwischen Fulda und Flensburg sollen systematisch auf die deutschen Briefumschläge geklebt werden. Nicht nur mit billigen Marken (das wäre ein Werturteil), nicht nur mit teuren (die sieht kaum jemand), vielmehr im mittleren Wert (das wäre sozial gerecht), auch in Rot, wenn’s beliebt (der Abgeordnete ist Sozialdemokrat).

Zugleich ist an die Einführung einer plattdeutschenZähnung gedacht. Für eine ausgewogene Gummierung macht sich überdies eine hannoversche Leimfabrik stark. Auf internationaler Ebene will man von Norddeutschland aus gegen die vermutete Absicht wirken, die Briefmarkenfarben auf schwarz und weißblau zu reduzieren.

Wenn dies alles nicht hilft, droht ein Bruch der bundesdeutschen Briefmarken-Einheit. Norddeutsche, beleckt nur noch Eure eigenen Heimatbilder! Joachim Holtz