Hamburg

So einen Rummel hatten wir hier noch nie“, meinte der Justizwachtmeister am Eingang zum Plenarsaal des Hanseatischen Oberlandesgerichts angesichts der drängenden Meute der Journalisten, der Fernsehkameras und Rundfunkmikrophone. Verhandelt wurde die Klage von zehn Frauen (unter ihnen Alice Schwarzer, Margarete Mitscherlich, Erika Pluhar, Margarete von Trotta) gegen den stern, der – so heißt es in der Klageschrift – „suggeriert, daß Frauen verfügbar, benutzbar, ausgeliefert seien, minderwertige Wesen, also: Gut zum gefälligen Reinkneifen, sei es im Büro, auf der Straße oder im Bett“. Die Klägerinnen fühlen sich durch diese Art der Darstellung persönlich beleidigt und möchten erreichen, daß das Gericht dem Verlag Gruner + Jahr und stern-Chefredakteur Henri Nannen verbietet, in Zukunft auf den Titelseiten des stern Frauen als „bloßes Sexualobjekt“ darzustellen.

Offenbar hatte der Vorsitzende Richter der Pressekammer des Hamburger Landgerichts zunächst Sorge, es handele sich mehr um eine Veranstaltung des Schaugewerbes als um einen ernsthaften Zivilprozeß. Er wies die Klägerinnen gleich zu Beginn darauf hin, daß der von ihnen angegebene Streitwert von 5000 Mark pro Person (nach dem die Prozeßkosten berechnet werden) zu niedrig angesetzt sei, 20 000 Mark für jede Klägerin seien wohl angemessener. Begründung: „Ich will nur klarmachen, daß dies für Sie teuer werden kann.“

Das publizistische Echo der Hamburger Klage war schon vor der mündlichen Verhandlung erstaunlich. Henri Nannen meinte im stern, die „freudlosen Grauröcke“ mißgönnten den Männern den Anblick der „entscheidenden Stellen“. Rudolf Augstein schrieb im Spiegel, die „Klageweiber“ und „zensurgierigen Emanzen“ stapften „wie von Sinnen in eine üble Meinungs- und Geschmacksdikatur“. Die Hamburger Anwältin Gisela Wild hatte alle Mühe, dem Gericht und den sensationshungrigen Journalisten in präzisen juristischen Formulierungen klarzumachen, worum es den zehn Klägerinnen wirklich geht. Nicht darum nämlich, Nacktheit zu verbieten. „Gegen Nacktheit ist nichts einzuwenden. Was verletzt, ist die Art und Weise der für Frauen entwürdigenden Darstellung. Sie ist auch mit Bekleidung denkbar. Die Beklagten bevorzugten bisher allerdings die Entkleidung.“

Keine neue Prüderie also und auch kein Verbot des Anblicks entscheidender Stellen (welcher auch immer). Die Pressefreiheit soll nicht abgeschafft, die staatliche Zensur nicht eingeführt werden. Die Pressefreiheit aber hat bekanntlich Grenzen. Nach dem Grundgesetz ist eine Grenze das „Recht auf persönliche Ehre“. Eben dies sehen die klagenden Frauen als verletzt an. Gisela Wild: „Neu an dieser Klage ist nur, daß die Grenzen der Pressefreiheit in bezug auf Frauen und Sexismus bisher noch nie gesucht worden sind. Die Diskriminierung der Frau war bislang so selbstverständlich, daß sie von vielen nicht einmal wahrgenommen wurde.“ Wenn es für Männer bequem und auch befriedigend ist, die Frau als Lustobjekt zu benutzen, so sollte ein Photo, das dies typisierend darstellt, nach Meinung der klagenden Frauen doch kein Illustriertentitel sein dürfen.

Die Frage liegt auf der Hand, wo man hier die Grenze ziehen soll. Wann ist eine Frau „als Objekt dargestellt“? Ist Erika Pluhar mit schwarzen Stiefeln und nackten Oberschenkeln Objekt? Ist Margarete von Trotta, nackt in einer Liebesszene auf einem Autodach photografiert, Objekt? Henri Nannen, der solche Photos im Prozeß präsentierte, um die Glaubwürdigkeit zweier Klägerinnen auf diese Weise in Zweifel zu ziehen, genoß den Beifall aus dem Publikum. Aber zeigen nicht gerade diese Photos auch, daß es den Klägerinnen jedenfalls nicht um die verstaubten Moralvorstellungen prüder Klageweiber geht? Konsequent nahm Nannen die Vokabel „freudlose Grauröcke“ als nicht zutreffend zurück; die Photos zeigten ja auch keine Röcke, und Freudlosigkeit signalisierten sie auch nicht.

Daß aber die Abgrenzung, wann ein bestimmtes Photo diskriminierend ist und wann nicht, im Einzelfall schwierig sein kann, konzedierte auch Gisela Wild. Nur: „Vor solchen Abgrenzungsschwierigkeiten steht die Justiz permanent.“ Beispielsweise bei der Frage, ob Gewalttätigkeit in grausamer oder unmenschlicher Form dargestellt ist oder ob in einem Bild die Verherrlichung oder Verharmlosung von Gewalt zum Ausdruck kommt – beides ist nach dem Strafgesetzbuch verboten. „Man kann nicht sagen, weil die Abgrenzung schwierig ist, läßt man sie ganz.“