"Warum soll ausgerechnet das heutige Proletariat die Klasse sein, von der das Heil kommt?"

Was diese Arbeit etwa zu einer Aufrollung und Klärung der Probleme beiträgt, verdankt sie der philosophischen Arbeit Martin Heideggers" – nicht allzu viele, die Marcuses spätere Bücher zu Revoluzzer-Bibeln herabstimmten, würden ihm diesen Satz zuschreiben; er steht am Ende der Einleitung seines Buches über Hegels Ontologie. Das war im Jahre 1932. Im selben Jahr kommentierte er die neu entdeckten Frühschriften des Karl Marx. Und im selben Jahr verließ der jüdische Großbürgerssohn – der bei Husserl und Heidegger über den deutschen Künstlerroman promoviert hatte – Deutschland, wurde Mitarbeiter des von ihm mitgegründeten Instituts für Sozialforschung in New York. Bis er in Deutschland wieder wahrgenommen wurde, bis er angesichts der Wellen des Pazifischen Ozeans in San Diego, Kalifornien – wo er seit 1965 einen Lehrstuhl hat, weil es in den USA keinen Radikalenerlaß gibt –, jenen denkwürdigen Satz sprach: "Und da sagt man, es gibt keine Ideen": bis dahin verging ein langes, fruchtbares Leben voller Widerspruch; im doppelten Sinne des Widersprechens und des Unfertigen,

Fertig war Herbert Marcuse nie. Er war – und ist – ein Denker des Aufbruchs, des Voran. Wenn ihm heute für ein Werk und ein Leben mit moralischer Konsequenz zu danken ist, dann nicht zuletzt deswegen. Das wird das Faszinosum gewesen sein, das ihn zum Leitbild einer Generation machte: ein schöner Rigorismus, der die Kategorie der Obszönität ins Gesellschaftliche verlängerte: "Diese Gesellschaft ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluß an Waren produziert und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen beraubt; obszön, weil sie sich und ihre Mülleimer vollstopft, während sie die kärglichen Nahrungsmittel in den Gebieten ihrer Aggression vergiftet und niederbrennt."

Seien wir ehrlich: keiner von uns, der nicht nur dahindämmern mochte im Sattschatten der Abzahlzufriedenheit, und ein jeder von uns, der gleichzeitig der Vodka-Cola-Polka des etablierten Sozialismus mißtraute, der diesem Mann nicht etwas zu verdanken hätte. Und sei es im Widerspruch. Kein Zufall, daß Jürgen Habermas zu Marcuses siebzigstem Geburtstag einen Band solcher Widersprüche herausgab; hinweisend darauf, daß "Weigerung" allenfalls Einstellung, nicht Einsicht sei; fragend, ob der Begriff des "Naturrechts" auf Widerstand und Gewalt nicht neuer Erläuterung bedürfe. Denn die da Gewalt üben und Sittlichkeit außer acht lassen, "tragen das Bild Rosa Luxemburgs zu Unrecht über ihren Häuptern".

Marcuse hat die Gewalt schießwütiger Desperados nie gewollt, nie gepredigt. Das läßt sich beweisen. Sein "Heidegger-Marxismus", das allerdings, begriff den Ekel an unserer Raubwelt als nicht lediglich psychologischen Faktor, sondern als Kraft zur Weigerung, die ihm Rebellion ist. In hoher dialektischer Kunst, nicht ohne Selbstkritik, hat er auf solche Fragen in seinem Buch "Konterrevolution und Revolte" gleichsam geantwortet. Der Titel setzt zwei Begriffe nicht nur gegeneinander, er spannt sie auch zusammen. Zu fragen ist, ob Revolte (also nicht: Revolution) nicht Teil der Konterrevolution sei: ihr Gegenbild; aber auch im Sinne von Konterfei: ihr innewohnende Wesenszüge deutlich machend. Marcuse versucht ein neues Modell – sozialistische Revolution nicht als quantitative Ausweitung eines Mechanismus von Bedürfnisbefriedigungen, sondern als Bruch, als qualitativer Sprung.

Herbert Marcuse hat sich nie mit der Realität abgefunden. Er hat ihr Wahrheit abzuzwingen versucht. Er hat deswegen im einmaligen Kunstbau seines Werks – dem Samuel Beckett dieser Tage eines seiner seltenen, gläsern schönen Gedichte widmete – die Einheit von Moral, Politik und Ästhetik choreographieren wollen: Ballett jener Logik aus Phantasie, die weiß, daß nur der Weg das Ziel ist: "soyez realistes – derhandez l’impossible." Fritz J. Raddatz