Von Wolfgang Hoffmann

Die slowenische Gemeinde Velenje, 35 000 Einwohner, zwischen Maribor und Ljubljana etwas abseits mitten in einem Talkessel gelegen, geriet unversehens in die Schlagzeilen der deutschen Presse. „Roter Staatskonzern kauft Körting“, hieß es, als der jugoslawische Konzern für Haushaltsgeräte – Gorenje – vor einigen Wochen die renommierte Radio- und Fernsehfirma in Grassau nahe München erwarb.

Vor der Abreise nach Velenje deckte mich die jugoslawische Botschaft in Bonn reichlich mit Informationsmaterial ein, darunter auch die jüngste Rede Titos und empfahl mich mit besten Wünschen nach Ljubljana, dem Sitz der slowenischen Regionalregierung, Zum Abschied meinte Botschaftsrat Ivan Ivanji dann noch: werden wir Marx nicht nur gelesen haben, sondern ihn konsequent praktizieren.“

Am 4. Juli feiert man in Velenje gerade den „Tag der Kämpfer“, den Tag, an dem sich die Slowenen gegen den Faschismus erhoben haben. Später erzählt mir Edo Rasberger, Manager der internationalen Abteilung bei der Bank von Ljubljana: „Die Slowenen wären übrigens die ersten, die sich erhoben haben. Und darauf sind wir stolz.“

Nach einigen Tagen in Slowenien verstärkt sich der Eindruck, daß die Slowenen die ersten geblieben, sind – auch im Wettstreit um den wirtschaftlichen Ausbau des Vielvölkerstaates, in dem die traditionellen nationalen Rivalitäten auch heute noch erkennbar sind. Viele befürchten sogar, die Rivalitäten würden wieder offen ausbrechen, wenn die integrierende Figur Tito einmal abtritt.

Der „Tag der Kämpfer“ gibt Gelegenheit, Velenje inoffiziell kennenzulernen. Vor 25 Jahren war die Stadt noch ein kleiner Marktflecken, ein Bergarbeiterdorf. Heute ist Velenje eine Musterstadt, bevorzugtes Demonstrationsobjekt für Ostblock-Prominenz, eine Stadt aus der Retorte, jedes Detail geplant, einschließlich der ersten Stufe des künstlichen Sees, der irgendwann Zentrum für Segelregatten werden soll.

Alles erscheint durchdacht und durchorganisiert. Dennoch oder gerade deswegen wirkt Velenje bedrückend steril, zumal die Stadt an diesem Tag wie ausgestorben ist. Die Kämpfer von einst sind mit Kind und Kegel aufs Land gefahren, haben Marschall Tito – in stolzer Pose auf dem Denkmalsockel im Zentrum der Stadt – den Rücken gekehrt.