Ein prominenter Abgeordneter der liberalen Partei im Parlament von Ottawa vollführte in diesen Tagen eine dramatische Geste. Er erhob sich von seinem Sitz in den Reihen seiner bisherigen Parteifreunde, zu denen auch der Premierminister Kanadas, Pierre Elliott Trudeau, gehört, gab eine Erklärung ab und suchte sich einen anderen Platz. In der Erklärung hieß es, die Franco-Kanadier hätten sich die aus der Ukraine und Polen eingewanderten Landsleute zum Beispiel nehmen sollen: Diese sprächen ihre Heimatsprachen daheim in ihren Familien, aber öffentlich redeten sie Englisch. (Er hätte hier auch die Deutsch-Kanadier nennen können.) Weil aber die Liberalen unter der Führung Trudeaus seine Ansicht nicht teilten, so sage er ihnen schweren Herzens, doch reinen Gewissens bye bye.

So einfach sah dieser anglokanadische Abgeordnete – er kam aus Winnipeg – das Problem.

Ähnlich wie in Belgien spielt sich in Kanada ein Sprachenstreit ab, der seine tiefen Hintergründe hat: historische, soziale, religiöse, kulturelle. Die Verfassung der kanadischen Föderation wirkt veraltet, stammt aus anderer Zeit, wird den modernen Anforderungen nicht gerecht. Sie muß reformiert werden, wie dies P. E. Trudeau denn auch als dringliches Anliegen vorgeschlagen hat. Zwar scheint das Bestreben der Kanada-Franzosen in Quebec nach absoluter Selbständigkeit an Intensität verloren zu haben, aber das Werk einer Verfassungsreform ist gerade in diesem Moment ebenso schwierig, wie es notwendig ist.

Trudeau, der in diesen Tagen zum zweitenmal in Deutschland weilt, ist in den Augen der in Quebec regierenden Partei nicht Franco-Kanadier genug; nach Meinung vieler Anglokanadier ist er, der ja aus Quebec stammt, der Mann, der zu viele Posten in der Regierung in Ottawa „französischen Kanadiern“ anvertraut hat.

Fürwahr! Wenn ein Staatsmann zwischen zwei Stühlen sitzt, dann Trudeau. Seine Klugheit, seine Erfahrung, sein Rang als politischer Wissenschaftler, seine Ausstrahlung lassen seine Aktion in dieser Gegenwart nur noch interessanter erscheinen.

Sieht er in der Verfassung unserer Bundesrepublik gute Beispiele für sein Land, so haben wir wohl Anlaß, sein kanadisches Beispiel und Schicksal mit europäischen Augen zu sehen: als Warnung, als Hoffnung.