Hannover

Der „Birkenhof“, ein sozialpädagogisches Heim für Mädchen, ist ins Geräte gekommen. Bei einem Besuch in Hannover gelang es mir, Fürsorgeakten einzusehen. Dazu vier Beispiele „heilpädagogischer“ Erziehung nach Birkenhof-Art:

Beispiel eins: Eine 16jährige wird der Jugendpsychiaterin vorgestellt. Das Mädchen ist ordentlich, führt sich in Heim und Schule gut. Auffällig ist nur ihre „Vielrednerei“. Sie lacht „gackernd“. Störend sei ihr „ewiges Geheule“. Die Ausdrücke entstammen dem jugendpsychiatrischen Gutachten.

Zur „Linderung“ des geschilderten Verhaltens wird dem Mädchen dreimal täglich 25 Milligramm Melleril verordnet. Die „Rote Liste“, Herausgegeben vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, schreibt über dieses Psychopharmakon: Das Mittel kann Blutbild Veränderungen hervorrufen. Deshalb ist vor der Behandlung das Blutbild zu kontrollieren, regelmäßige Kontrollen müssen folgen. Die Reaktionsfähigkeit im Straßenverkehr und bei der Arbeit kann vermindert sein.

Hinweise auf Blutbildkontrollen fehlen im jugendpsychiatrischen Gutachten.

Vier Wochen später. Dank Melleril, meldet das Heim, hat sich das auffällige Verhalten gebessert. Nur einige „Unaufrichtigkeiten“ konnten die Seelenpillen noch nicht beseitigen: Das Fürsorgemädchen besorgte sich heimlich Zigaretten, übergab von der Mutter geschenktes Taschengeld nicht der Heimleitung.

Eines Tages, so der Heimbericht, „entweicht“ die 16jährige. Sie wird wieder eingefangen, und die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie begutachtet wieder. Sie habe versucht, schreibt sie, mittels Melleril eine „Verhaltenskorrektur“ zu erreichen. Die Ärztin bemerkt, daß die Psychopillen schlechte Erzieher waren: „Die Wirkung ist nicht überzeugend.“