Von Anatol Johansen

Es ist ja Unsinn, wenn die Leute immer wieder behaupten, die Menschheit steuere schnurstracks auf ihren eigenen Untergang zu, nur weil uns in den nächsten Jahrzehnten die wichtigsten Rohstoffe ausgehen werden, die Umweltvergiftung immer bedrohlichere Formen annimmt und die Weltbevölkerung weiterhin schnell anwächst. Das ist genauso, als wenn ein Embryo im Mutterleib zu rechnen anfinge und dann bei seiner Hochrechnung drauf käme, daß nach Ablauf von neun Monaten alle Ressourcen einschließlich des zur Verfügung stehenden Raumes aufgebraucht sein würden, so daß es zur Katastrophe kommen müsse. Das Embryo sieht bei seinen Extrapolationen die Geburt nicht voraus. Und unsere Kulturpessimisten sehen den Aufbruch in den Weltraum nicht voraus.“

Mit diesen Worten provozierte der deutschamerikanische Raketenforscher Krafft Ehricke vor kurzem sein Publikum bei einer öffentlichen Veranstaltung des Amerikahauses Frankfurt. Und wenn der technologische Optimismus Ehrickes, der mit dem Erbauer der amerikanischen Mondrakete, Wernher von Braun, nach dem Kriege in die Vereinigten Staaten ging, vielleicht auch noch etwas vom Schwung der Weltraum-Gründerjahre getragen wird, so ist doch eines nicht zu übersehen: Nicht nur eine intensivere Nutzung des erdnahen Weltraumes steht in den kommenden Jahrzehnten bevor, sondern auch die Anfänge einer bescheidenen Besiedlung des erdnahen Raumes.

Dabei geht es nicht etwa um ehrgeizige Ideen dem Gigantismus zuneigender Weltraum-Planer, die schon ganze Weltraumstädte auf dem Reißbrett haben, ohne einen Gedanken auf die Finanzierbarkeit solcher Projekte zu verschwenden, sondern um sehr reale Pläne für die 80er Jahre und 90er Jahre.

Schon vor mehr als einem Jahr hat der sowjetische Kosmonaut Vitali Sewastjanow auf dem 27. Internationalen Astronautischen Kongreß in Anaheim in Kalifornien angekündigt, daß die Sowjetunion den Bau großer bemannter Raumstationen für zehn und mehr Mann Besatzung vorantreibe, die in etwa zehn Jahren einsatzbereit sein sollen. Die jüngsten Raumfahrt-Missionen der Sowjets unterstreichen den Ernst dieser Absichten.

Bei der von keinerlei hektischen Änderungen bedrohten und langfristig angelegten sowjetischen Weltraum-Politik besteht denn auch wenig Grund, daran zu zweifeln, daß die Sowjets Sewastjanows Ankündigungen wahrmachen und etwa Ende der 80er Jahre mit dem Aufbau großer bemannter Stationen beginnen werden – mit all den Vorteilen, die solche bewohnten Inseln im All den Wissenschaftlern, Technikern und natürlich den Militärs bieten.

Inzwischen bereiten sich auch die Amerikaner auf den Bau bemannter Basen im All vor. Die Nasa verwies schon darauf, daß sie ab 1980 erstmals in der Geschichte der Raumfahrt mit dem Raumtransporter Space Shuttle über ein wiederverwendbares Raumfahrzeug verfügt, das unter anderem bei voraussichtlich vier Flügen Baumaterial für eine Raumstation ins All bringen kann. Auch wurden schon mehrere Forschungsaufträge für den Bau von Raumstationen an die amerikanische Weltraumindustrie vergeben.