Von Friedhelm Gröteke

Jetzt gehe ich in Pension", hätte der 52jährige Raffaele Ursini den Aktionären in der Hauptversammlung der Liquichimica Ende Juni zugerufen, "um die Rettung der Gesellschaft zu erleichtern." Der angehende Pensionär war in Eile; Innerhalb von vier Wochen, bis Ende Juli, wollten die Gläubigerbanken die Sanierung von Italiens viertgrößter Chemiegruppe unter Dach und Fach bringen. Und bei 2,5 Milliarden Mark überwiegend kurzfristigen Schulden überlegen sich selbst Großbanken jeden Schritt genau.

Ihre Hauptforderung, Ursini solle als Vizepräsident und Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft abtreten, hatte der selbstbewußte Kalabrese erfüllt, allerdings ungern und, wie Kleinaktionäre sofort bemerkten, nicht ohne seine Gefolgsleute nachzuschieben. Außerdem hatte Ursini den Banken schon vorher sein Mehrheitspaket an der Liquichimica verpfänden müssen. Die Gläubigerbanken waren danach im Prinzip bereit, der Chemiegruppe die Milliarden für einige Jahre zinsgünstig zu stunden. Nur so hatten nämlich die Hauptgläubiger, alles öffentlichrechtliche Kreditinstitute, überhaupt noch Aussicht, einen Teil ihres Geldes zu retten.

Freilich wollten einige Banken nur dann mitmachen, wenn der "aus dem Nichts gekommene Buchhalter", der "letzte aus der Gilde der Profitmacher des Südens" (so Italiens Wochenschrift L’Espresso), seine Hand nicht mehr in diesem Milliardenpoker hatte.

Aber ehe interessierte Politiker vermitteln, Gutachter erklären, Parteigänger fordern und Geschäftsfreunde beschwichtigen konnten, griff nun Italiens Polizei zu. Mit einem Haftbefehl des Staatsanwaltes von Reggio Calabria in der Hand führten die Carabinieri Raffaele Ursini und drei seiner Mitarbeiter in Handschellen ab. Verdacht auf fortgesetzte Bilanzfälschung und Mißbrauch öffentlicher Mittel lauten die schwersten Anklagepunkte.

Was war geschehen? Staatsanwalt Guido Papalia hatte erfahren, daß die international angesehene Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Anderson nicht ihren Bestätigungsvermerk unter die Bilanz der Holding Liquigas setzen wollte. Die Liquigas hält ihrerseits die Liquichimica-Mehrheit. Die Liquichimica SpA kann schon seit Juni vorigen Jahres die Zinsen für ihren Schuldenberg nicht mehr aufbringen und hat seit März dieses Jahres auch die Lohnzahlungen für ihre 3000 Beschäftigten eingestellt. Warum nur hat die Mutter Liquigas in diesem Augenblick der Tochter Liquichimica die Aktienpakete aller anderen Chemietöchter der Gruppe für 260 Millionen Mark verkauft? Und wie kam es, daß sich die Beteiligungswerte der Liquigas im gleichen Geschäftsjahr 1977 trotz dieses Ausverkaufs um glatte 250 Millionen Mark erhöhten?

Wundersam erscheint etwa, daß eine andere Liquigas-Tochter, die Liquifin AG (Grundkapital 50 000 Franken), im fernen Vaduz in dieser Bilanz mit 153 Millionen Mark angesetzt wurde, während sie im Jahr vorher nur mit 18 500 Mark zu Buche stand. Geradezu bescheiden mutet die gleichzeitige Aufwertung der Liquim Export AG an, die ebenfalls in Vaduz ihren Sitz hat und "nur" um das Sechsfache auf 150 Millionen Mark geliftet wurde.