"Aufklärung und Gedankenfreiheit – Fünfzehn Anregungen, aus der Geschichte zu lernen", herausgegeben und eingeleitet von Zwi Batscha. In seiner "Kritik der reinen Vernunft" schrieb Immanuel Kant über die Freiheit, "seine Gedanken, seine Zweifel, die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur Beurteilung auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und gefährlichen Bürger verschrien zu werden". Der Königsberger Philosoph wußte, wovon er sprach. Sein Zeitalter, euphorisch Epoche der "Aufklärung" genannt, hatte strengste und höchst erfindungsreiche Restriktionen hervorgebracht, die weit über die Zensur des gedruckten Wortes hinausgingen. In Jena hielt Johann Gottlieb Fichte 1793 eine Rede gegen die verordnete Unfreiheit: "Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten." Überall in Deutschland geriet die Aufklärung in die Defensive. Professoren, Theologen, Schriftsteller verteidigten das Recht des Menschen auf Erkenntnis und Aufklärung. Sie erwogen das Für und Wider von Pressefreiheit und Zensur, der Grenzen und Vorteile der Volksaufklärung, die Schwierigkeiten, politische Meinungen zu beurteilen. "Bewirkt Aufklärung Revolution?" – Johann Heinrich Tieftrunk, Adam Bergh und Andreas Riem sind im Gegenteil der Ansicht, daß Aufklärung und Gedankenfreiheit dem Gemüt Ruhe bringt. Sie glauben, wie Kant, an Sittlichkeit durch Vernunft und ein auf diese Weise gewaltfreies Zusammenleben. Der Herausgeber dieser Sammlung von Schriften aus der Spätaufklärung, Zwi Batscha, Politikwissenschaftler an der Universität Haifa, sieht im Wiederlesen der Texte eine Chance für uns Heutige. Er hat recht, besonders wenn man die Koexistenzpolitik mit der der Heiligen Allianz vergleicht. In der Tat sollten wir uns nicht mit Hegels Behauptung begnügen, die Geschichte beweise, daß "die Menschen nichts aus ihr lernen". Bei uns gibt es keine Zensur. Aber es gilt das "Verbot mit Erlaubnisvorbehalt". Die Sammlung regt an, den Zensurbegriff neu zu überdenken. (A. Bergk, J. L. Ewald, J. G. Fichte u. a.; es 890, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 385 S., 11,– DM.)

Christa Dericum "Die kleinen Geschäfte des Monsieur Brabbant", Roman von Raymond Queneau. Ein Selbstporträt des Künstlers als junger Mann von 1936, als er noch nicht der große Sprachspurensicherer der kleinen Leute von Paris war (gegen seinen langjährigen Einspruch neu aufgelegt und übersetzt). Vincent, scheuer Bücherfresser aus der Provinz, schreibt sich 1920 in Paris für Philosophie ein und damit automatisch für das Studium der mit den Dogmen der Dekadenz so hitzig wie halbseriös ringenden Kulturszene sowie des Lebens "an sich", wo Vincent noch viel lernen muß. Im Bistro trifft er einige animierte Greise. Der schrägste, Monsieur Brabbant, startet spät noch den großen Coup in der Liebe wie im big Business und verliert darüber den Verstand. Vincent weiß nach dem Examen mehr und wird eingezogen. Nur der Kellner Alfred, mit den schicksalhaften Sternen, Strömen und Linien rechnerisch im Bund, bleibt und kennt letztlich ihrer aller Woher und Wohin: Aus Le Havre, ins Universum... Ein Bildungsroman der absinthgetränkten Episoden in jenem mathematischen Impressionismus, der zu Queneau gehört. Geschichte als Geschichtetes aus verpaßten Chancen und schlitzohrigen Erfüllungen, bestrickend paradox, mit Witz und Wissen freigelegt. (Verlag Werner Gebühr, Stuttgart, 1977; 271 S., 18, – DM.) Ilonka Wenk