Von Norbert Blüm

Der Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse, Norbert Blüm, ist wegen zweier Sätze gerügt worden, die er zum Fall Filbinger im „Spiegel“ geschrieben hatte: „Ob einer im KZ Hitler gedient hat oder an der Front, macht in meinen Augen nur einen graduellen Unterschied aus. Das KZ stand schließlich nur so lange, wie die Front hielt.“ Diese Beschreibung wurde als Vorwurf mißverstanden; Kriegerwitwen und ehemalige Frontsoldaten fühlten sich beleidigt. Blüm (Jahrgang 1935) wollte anderes bewirken: Ältere und jüngere Generationen sollen gemeinsam die Schuld der Vergangenheit aufarbeiten.

Wir hoffen, daß wir uns alle darüber einig sind, daß die einzige Scheidung, die zu vollziehen ist, die zwischen Verbrechen und Gewissenlosigkeit auf der einen und Anstand und Sauberkeit auf der anderen Seite ist. Auf dieser Grundlage wollen wir die innere Aussöhnung des Volkes mit all unseren Kräften betreiben.“

„Innere Aussöhnung“, nicht blinde Rache also sollte das Programm der Regierung Goerdeler sein. Diese Regierungserklärung blieb auf dem Papier, auf dem sie uns überliefert ist; sie wurde nie abgegeben – die Henker waren schneller.

Ein Tag wie der 20. Juli könnte ein Treffpunkt der Generationen sein, wenn er, seiner routinierten Rituale ledig, dem Austausch von Fragen, Erfahrungen und Antworten diente. Maßnehmend an den Helden des Widerstandes wollen wir den Vätern nicht mangelnden Heroismus vorwerfen. Denn Heroismus ist keine allgemeine Verhaltensregel. Und unser Mut steht nicht unter existentiellem Beweiszwang. Aber nicht jede Frage der Jungen kann mit dem vorwurfsvollen „Ihr seid ja nicht dabeigewesen“ abgeschnitten werden. Wer sich den Mechanismen der Tabuisierung beugt, flieht in die Geschichtslosigkeit.

Zur konsequenzlosen Bewunderung sind die mit dem Leben bezahlten Erkenntnisse des Widerstandes jedenfalls zu schade. Die teuerste Hinterlassenschaft des 20. Juli ist, so meine ich, die Mahnung, daß Pflicht und Gehorsam nicht abgekoppelt werden dürfen von den Zwecken, denen sie dienen. Es gibt keine Pflicht, die gegen Schuld immun wäre.

„Aus der verwirrenden Fülle der möglichen Entscheidungen scheint der sichere Weg der Pflicht herauszuführen. Hier wird das Befohlene als das Gewisseste ergriffen, die Verantwortung trägt der Befehlshaber, nicht der Ausführende, In der Beschränkung auf das Pflichtgemäße aber kommt es niemals zu dem Wagnis der auf eigene Verantwortung hin geschehenen Tat, die allein das Böse im Zentrum zu treffen und zu überwinden vermag. Der Mann der Pflicht wird schließlich auch noch dem Teufel gegenüber seine Pflicht erfüllen“ (Dietrich Bonhoeffer). Ist die Hinterlassenschaft des 20. Juli ein Programm zur Auflösung jeder Pflicht? Ich verstehe Bonhoeffer nicht so. Es gibt sogar noch in Unrechtssystemen Pflichten.