Drei Jahre lang war Gras darüber gewachsen; nun kamen Schafe daher und fraßen es ab und die Wurzeln dazu, damit nicht wieder etwas drüber wachse: Rudi Arndts Schnapsidee, mit der er sich als Oberbürgermeister damals hatte lieb Kind machen wollen, ist nun von seinen siegreichen politischen. Gegnern aufgegriffen und soeben von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen worden – einstimmig, also auch von der SPD- undFDP-Opposition, mit welchen Einwänden auch immer. Am vergangenen Donnerstag beauftragte das Stadtparlament den Magistrat, den historischen Platz des Römerbergs gegenüber dem Rathaus mit einer Reihe von sechs oder mehr Häusern „in historischem Stil“ zu begrenzen. „Rudi Arndts Disneyland“ (ZEIT Nr. 18/1975) wird auf Wunsch der CDU Wirklichkeit.

Nun könnte man die Frankfurter Bürger sarkastisch dazu beglückwünschen, weil die ehemalige „gute Stube“ des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ohnehin ein Ort stiller Häßlichkeit geworden ist. Selbst das treppengiebelige Rathaus ist mehr ein Andenken als eine Schönheit. Es nach den Verwüstungen des Krieges in seiner vorigen Form wieder herzustellen, war ein Beispiel klassischer Denkmalspflege; ihm schräg gegenüber jetzt aber sechs und daneben noch einmal drei irgendwie mittelalterliche oder barocke Wohn- und Wirtshäuser nachzuerfinden, ist ein Fall von perverser Denkmalspflege.

Eben das macht das Ereignis exemplarisch: Das Stadtparlament hat eine Lüge beschlossen. Architekten, die dazu bereit sein werden, sie zu entwerfen, werden sich dabei einer Todsünde ihres Faches schuldig machen müssen: Sie bauen Häuser hinter scheinheilig altertümelnden Fassaden so modern, wie es die Zeit, und so, wie es die Baupolizei heutigen Gesetzen zufolge verlangt, aus Beton und Stahl, mit breiten Treppen und mit Wohnungen, die von vornherein durch zwei Stockwerke oder zwei Häuser reichen müssen, um heutigen Gewohnheiten zu dienen, und hinter den Gauben der steilen Dächer flattern nicht Fledermäuse, sondern schnurren die Maschinen der Lifte und der Lüftung. Form und Inhalt stimmen nicht überein, das putzige Fassadenspiel ist nichts als Maskerade, blanke Täuschung, eine Lüge.

Zweierlei wollen die biederen Politiker mit. dieser Häuserreihe erreichen. Erstens soll dem von Rathaus und Nikolaikirche angedeuteten Römerberg wieder eine Fassung gegeben werden, damit er räumlich Halt gewährt und als Platz erlebt wird; zweitens soll das Betonhöckerfeld, das sich dahinter bis zum Dom hin erstreckt und das Fundament darstellt für ein vor vielen Jahren geplantes, dann aus finanzieren Und städtebaulichen Zweifeln aufgeschobenes, inzwischen halbverworfenes „modernes Kultur- und Freizeitzentrum“, versteckt werden.

Rudi Arndt hatte für die niedliche Einfassung des Römerbergs „natürlich nicht die getreue Wiederherstellung ganz bestimmter Frankfurter Häuser etwa aus dem späten Mittelalter“ gewollt, wie er schrieb, sondern Häuser in irgendwie „historischer Form“, in alten Stilen jedenfalls. Die CDU, die nun seinen sicherlich populären Einfall aufgelesen und mit Hilfe selbst der zähneknirschenden Opposition beschlossen hat, will hingegen nicht bloß historisierend bauen lassen, sondern historisch genau „bis zu alten Türbeschlägen“.

Keine Ahnung, woher die kommen sollen. Der Planungsstudie zufolge, die sich der Magistrat 1976 von dem Frankfurter Architektenbüro Bartsch, Thürwächter und Weber anfertigen ließ (und die denselben Titel wie Arndts Broschüre von 1975 trägt: „Zur Diskussion: was kommt zwischen Dom und Römer“), sind die historischen Vorlagen denkbar dürftig: Die vorhandenen Fassadendarstellungen aus der Vorkriegszeit sind lückenhaft, das Altstadtmodell der Brüder Treuner im Historischen Museum für Rekonstruktionsversuche untauglich; Grundrisse und Schnitte gibt es nur von drei Häusern, die der Nikolaikirche seitlich angefügt waren; von den Gebäuden, auf die es ankommt und die den Platz östlich begrenzen sollen, existiert der Grundriß nur eines Erdgeschosses und die Darstellung nur eines Obergeschosses; einige Bruchstücke von 1944 zerstörten Häusern, die in einer Klosterkirche lagern, sind künftig nur noch im Innern von Häusern zu verwenden, weil sie an der aggressiven Frankfurter Luft alsbald zerfielen, über architektonische Einzelheiten geben sie kaum Auskunft; einige historische Stiche, Zeichnungen, Photos sind als Vorlage für dekorative Details wie Schnitzwerk unbrauchbar; niemand weiß, wie die sechs Häuser hinten ausgesehen haben. So wurde der Magistrat vom Parlament gewissermaßen dazu aufgefordert, die Kopie von Originalen anzufertigen, die verschwunden sind oder nur in schwer entzifferbaren Reproduktionen oder Ruinenresten Kunde geben.

Dabei ist noch nicht einmal geklärt, welcher Zustand dieser Häuser, die doch im Lauf der Jahrhunderte oft verändert worden sind, nun nachempfunden werden soll, der von 1930, von 1875, von 1711 oder der von 1658? Am deutlichsten aber enthüllt sich die Provinzialität dieses Parlamentsbeschlusses in der Unterlassung zu sagen, wem die historisierende Anstrengung nun eigentlich dienen soll: dem Tourismus als Kulisse und der städtischen Fremdenverkehrswerbung? Einer Gruppe privilegierter Mieter in den wenigen, mittelalterlich kleinen und engen, hinter den Fassaden aber heimlich vergrößerten Wohnungen? Oder einem Café, das den Kuchen leider aus der Konditorei wird kommen lassen müssen, weil es keinen Platz für einen Backofen gibt? Oder für noch ein paar Antiquitäten- oder Andenkenläden zuviel?