Von Theo Sommer

Über allen Gipfeln ist Ruh’: Die Bremer Ratstagung, Carters Staatsbesuch, das Bonner Weltwirtschaftstreffen sind verrauscht. Und nun: In allen Wipfeln kaum ein Hauch? War alles nur ein kurzlebiger Triumph der subjektiven Wirklichkeit über die objektive? Geht die europäische, die deutsch-amerikanische, die Weltwirtschaftspolitik nach dem Abstieg in die Niederungen des Alltags jetzt weiter wie gehabt?

Bei aller berechtigten Skepsis, was wohl das Eigentliche sei, das Gepräge oder das politische Gewicht solcher hochalpinen Veranstaltungen hochmögender Herren – diesmal gibt es vielleicht Grund zu einer optimistischen Betrachtungsweise. Im deutsch-amerikanischen Verhältnis ist ein heikler Abschnitt zu Ende; in Bremen haben die Neun zum erstenmal seit langem wieder höhere europapolitische Ziele anvisiert; und auf dem Weltwirtschaftsgipfel, so vorsichtig die Schlußerklärung auch abgefaßt sein mag, sind präzisere Festlegungen getroffen worden als bei den drei vorangegangenen Begegnungen in Rambouillet, Puerto Rico und London. Die Frage ist: Wird die jüngste Konferenzserie eine neue politische Wirklichkeit schaffen?

Für den Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten in der Bundesrepublik läßt sich dies ohne Einschränkung sagen. Da ist wohl endgültig ausgeräumt, was lange Zeit an Fremdheit, gegenseitigem Mißvergnügen, ja Mißtrauen zwischen Helmut Schmidt und Jimmy Carter stand. Die beiden Staatsmänner haben bei ihrer fünften Begegnung Respekt voreinander gewonnen. Der Präsident beeindruckte durch sein Detailwissen und seine gewachsene Statur; umgekehrt lernte Carter das Urteil des Kanzlers schätzen, auch wo er ihm nicht in allen Punkten beipflichten mochte. Hinzu kam, daß Carter ein unmittelbares Bild der deutschen – auch der Berliner – Wirklichkeit gewann, er sich aber den Deutschen – zumal in der Kongreßhalle an der Mauer – mit beeindruckender Präsenz und Urteilsfähigkeit vorstellte. Die fortbestehenden sachlichen Reibungspunkte, die meisten ohnehin eingebettet in multilaterale Verhandlungen, führen in solch bereinigter Atmosphäre gewiß zu weniger Aufrauhungen und Verprellungen als in der ständigen Gereiztheit der Anfangsphase.

Veränderung der Wirklichkeit ist, wenn alles gut geht, auch von dem Bremer Währungsplan zu erwarten. Zwar fehlt es da nicht an Zurückhaltung, ja Widerständen, vor allem in England. Aber zum erstenmal nach Jahren der Stagnation hat die deutsch-französische Initiative – prinzipiell gebilligt durch die übrigen EG-Partner – wieder Hoffnung erweckt, daß es in Europa aufs neue vorwärts gehen könne. Helmut Schmidt hat bis vor kurzem jegliche zusätzlichen Bonner Finanzleistungen davon abhängig gemacht, daß sie zusätzliche politische Integrations-Impulse auslösen müßten. Wenn er jetzt bereit ist, den Fafnir-Schatz der Bundesbank zu zwanzig Prozent in den Dienst einer europäischen Währungsstabilisierung zu stellen, so tut er dies offensichtlich in der Überzeugung, daß mehr Integration heute nicht bloß nötig, sondern zugleich möglich ist. Im ferneren Hintergrund scheint dabei die Idee auf, auch weltweit wieder ein System fester Wechselkurse anzustreben (siehe Interview auf den Seiten 3/4).

Schließlich der Bonner Weltwirtschaftsgipfel. Es ging dort nicht darum, eine einzige gemeinsame Wirtschaftspolitik zu dekretieren. Vielmehr kam es den Teilnehmern darauf an, ihre Zielrichtung zu koordinieren. Darauf haben sie sich in wohlerwogenen, vagen Worten festgelegt – wohlerwogen vage, weil ein jeder seine eigene Innenpolitik im Nacken hat und über Absichtserklärungen kaum hinausgehen konnte. Allerdings geht von ihnen ein Zwang aus, sich auch danach zu verhalten. Jeder der Sieben darf sich dabei ein wenig sicherer vorkommen, wenn er die Entscheidungen trifft, an denen er ohnedies nicht vorbeikommt. Selbstwenn die demokratischen Industrienationen nicht eine neue Steigflugphase einleiten, so ähnlich drücken es die Deutschen und die Amerikaner übereinstimmend aus, werden sie auf diese Weise doch wenigstens einen Absturz verhindern, wie er die Welt während der dreißiger Jahre in die Depression stieß.

Das Resümee der staatsmännischen Hochalpinistik: Sie könnte in der Tat die Welt verändern. Jedenfalls gibt es Ansätze, die über das träge Beharren, die Stagnation und die Gewöhnung an die Krise hinausführen. Die Staatsmänner müssen sie ausbauen – sonst wird auf dem nächsten Gipfel nicht Ruh’ sein, sondern Sturm. (Siehe auch Seite 18: Rudolf Herlt über "Des Kanzlers Beute"; Seite 5: Reportage von Dieter Buhl.)