Bonn, im Juli

Wie Gebetsmühlen wiederholen die Bonner Sprecher der CDU, was der Partei vorsitzende Helmut Kohl schon vor einer Woche als Losung ausgegeben hat: Kritik an Hans Filbingers Gedächtnisschwäche sei zwar verständlich, aber aus seiner Tätigkeit als Marinerichter könne ihm weder ein politischer noch ein moralischer Vorwurf gemacht werden, und im übrigen stimme es nicht, daß die CDU-Führung über den Rücktritt des Ministerpräsidenten diskutiere.

In Wahrheit stimmt, je länger Filbinger in Unbelehrbarkeit und Eigensinn verharrt, das Gegenteil. Die Rückendeckung, die er aus der Union erhält, ist kaum mehr als nur noch Lippenbekenntnis. Zwar sind Berichte übertrieben, die bereits von einem regelrechten Zeitplan für die Demission das baden-württembergischen Regierungschefs wissen wollen. Aber sowohl in Bonn als auch in Stuttgart wird über die Notwendigkeit eines Wechsels gesprochen, wenngleich noch hinter vorgehaltener Hand. Allenfalls können vorschnelle und schon als Tatsache ausgegebene Spekulationen über Rücktrittspläne dazu führen, daß die Partei die Anstandsfrist ausdehnen muß.

Die CDU braucht eine solche Frist, weil sie immer noch auf Filbingers späte Einsicht hofft. Diese Einsicht zu beschleunigen, dafür gilt gerade Kohl als der richtige Mann, ja als die einzige Autorität, die Filbinger erfolgreich die allein mögliche Konsequenz nahelegen könnte. Aber der CDU-Chef zögert offenkundig, dies gegenüber seinem Freunde zu tun.

Das ruft die politischen Auguren auf den Plan, die kühl beiseite lassen, was Kohl aus menschlichen Motiven hemmen mag. Zaudert er, weil er einen Hauptexponenten jenes konservativen Lagers in seiner Partei nicht bedrängen will, das ihm, anders als der liberale Flügel, nicht durch dick und dünn verbunden ist? Oder wäre es ihm notfalls auch recht, wenn der Skandal um Filbinger zu einer Wahlniederlage seines potentiellen Rivalen Alfred Dregger in Hessen beitrüge?

Eine solche Niederlage mangels liberalen Zuzugs zur Union wäre für Kohl freilich recht zweischneidig. Abgesehen davon, daß sie dem Kardinalziel, das Bonner Bündnis aus dem Sattel zu heben, nichts nützte, hätte ein in Wiesbaden als Ministerpräsident angebundener Konkurrent seine Vorteile – ganz im Gegensatz zu einem? Dregger, der auf der Bundesbühne bliebe und seine Wahlschlappe zudem auf Gründe zurückführen könnte, die nicht bei ihm liegen,

Daß der Skandal um Filbinger, ein Thema von großer Bedrückung, auch in kleiner taktischer Münze gehandelt wird, ist unvermeidlich. Indes, daß es unter die politischen Händler und Wechsler geraten ist, zeigt wiederum nur, wie der Schaden weiterwuchert, den der Uneinsichtige für seine Partei anrichtet. Deshalb kommt die Kritik aus den eigenen Reihen inzwischen nicht nur von Randfiguren oder jenen, die als Narren die Wahrheit sagen dürfen. Kennzeichnend ist das öffentliche Diktum des bedrängten Wahlkämpfers Dregger, es sei nicht Aufgabe der hessischen CDU, Filbingers peinliche Erklärungen zu decken – zugleich ein vorbeugendes Alibi für den Fall eines Mißerfolgs beim Stimmgang im Oktober. Und Selbst der Hauptvorsteher an der Südschiene der Union, Franz Josef Strauß, hat den Ministerpräsidenten aufgefordert zu überlegen, „wie seine Lage und die Lage der CDU ist“. Die damit verknüpften obligaten Solidaritätsbekundungen ändern an der Eindeutigkeit solcher Winke nichts.