Und bei uns?

Urlaub bringt im Zeitalter des Massentourismus viele Menschen auf verhältnismäßig kleinem Raum zusammen. Und weil unser Zeitalter auch das der Technik ist, also das der unnatürlich hohen Konzentrationen von Energie, sind Menschen, die Urlaub machen, stark gefährdet. In die Ferien reisen, das heißt heute für die meisten Leute: ein besonders großes Risiko eingehen.

So betrachtet, war das entsetzliche Unglück auf dem Campingplatz „Los Alfaques“ bei Tarragona ein durchaus wahrscheinliches Ereignis, so wahrscheinlich wie der tausendfache Tod auf den Straßen während jeder Urlaubssaison, wie der Zusammenprall zweier Flugzeuge auf dem Rollfeld in Teneriffa, bei dem im vorigen Jahr mehr Touristen umkamen als in der vergangenen Woche an der spanischen Küste, oder so wahrscheinlich, wie der Untergang eines mit Feriengästen übervoll beladenen Fährschiffs, von dem wir jedes Jahr wieder erfahren müssen.

Doch wir wollen uns mit solchen Wahrscheinlichkeiten nicht abfinden. Denn wir glauben, daß die Technik, mit der wir so viele Gefahren heraufbeschworen haben, beherrschbar sein müsse, sofern nur jeder stets alles richtig anstellt. Unfälle geschehen, weil Menschen Fehler machen, aus denen wir zu lernen hoffen.

Ob Francisco Ibernom, der Fahrer des mit 43 Kubikmetern flüssigen Propylens gefüllten Tanklastzugs, einen Fehler gemacht hat, ist bis zur Stunde ungeklärt. Gewiß, einiges war da nicht so, wie es die Bestimmungen verlangen. Warum, zum Beispiel, chauffierte der Mann seinen Zug Ulf der Tausend-Kilometer-Strecke von Tarragona nach Puertollano alleine, ohne den vom Gesetz vorgeschriebenen Beifahrer?

Augenzeugen berichteten, sie hätten kurz vor der Kacastrophe weiße Gaswolken aus dem Tank aufsteigen gesehen; und das vorläufige Ergebnis der Trümmer-Untersu-:hung läßt ebenfalls darauf schließen: Durch einen Riß im Tank ist vermutlich Gas ausgeströmt. Mit der Luft entstand ein explosives Gemisch, das sich entzündete. Alles weitere, das Abkommen von der Straße und schließlich die sich in zwei Detonationen von unvorstellbarer Wucht entladenle Energie, läßt sich als Folge davon erklären. So also kann es gewesen sein.

Vielleicht auch ganz anders. Aber noch ehe auch nur ein vager Anhalt für die mögliche Ursache des Unglücks bekannt geworden war, hatten interesierte Stellen in unserem Land eilig der Öffentlichkeif versihert, in der Bundesrepublik Deutschland könne, sich eine solche Tankwagen-Explosion nicht ereignen. Unsere Gesetze seien so gut, die Wandstärken unserer Behälter für den Flüsiggas-Transport wären mehr als ausreichend, um Karambolagen zu überstehen, unsere Lastwagenfahrer würden für den Transport gefährlicher Güter besonders ausgebildet – ergo dürften bundesdeutsche Straßenanlieger beruhigt sein. Ihnen drohe keine Explosionsgefahr vom Flüssiggastransport.