Von Traugott König

Bei dieser Habilitationsschrift eines jungen Düsseldorfer Literaturwissenschaftlers, erschienen unter dem Titel –

Manfred Frank: „Das individuelle Allgemeine – Textstrukturierung und -Interpretation nach Schleiermacher Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 383 S., 32,– DM,

verbirgt sich hinter der abstrakten Chiffre des Obertitels nicht etwa eine nur den Spezialisten interessierende Schleiermacher-Studie. Es handelt sich um den – soweit ich sehe – gründlichen Versuch, das Problem der Textinterpretation zu lösen, nämlich die Überwindung des bisher unversöhnten Konflikts zwischen einer existentialontologischen Hermeneutik und einer strukturalistischen Semiologie. Es geht also um die Vermittlung zwischen einer sinnverstehenden Deutung durch ein Subjekt, das, obwohl in den Traditionszusammenhang seiner historischen Situation verstrickt, sich durch seine Existenz vom bloßen“ Sein abhebt, und einer Strukturen ermittelnden Zuordnung in ein Zeichensystem, das unabhängig von subjektivem Sinnverständnis nach objektiven Gesetzen funktioniert.

Die erste Richtung, die vor allem am Beispiel Heidegger, Gadamer, Habermas und Sartre vorgeführt wird, entstand um die Jahrhundertwende als Höhepunkt der subjektivistischen Wende gegen den positivistischen Zeitgeist, nach dem man die Gesetze der Naturwissenschaft auch auf die Geisteswissenschaft anwenden wollte.

Die zweite Richtung, die vor allem am Beipiel von Jacques Derrida und Jacques Lacan vorführt wird, ergab sich im Zeitalter der Weltkriege und der Blockbildung aus der kollektiven Erfahrung der Ohnmacht des Subjekts und einem daraus folgenden Mißtrauen gegen jede Art von Subjekt-Narzißmus und stellt letztlich eine differenziertere Wiederaufnahme desPositivismus dar. Bei dem Versuch, beide Richtungen in einer integralen Interpretationsmethode zu versöhnen, nach der jede die Berechtigung der anderen anerkennt und sich ihrer Herausforderung stellt, kann der Autor auf eine geistige Zeitströmung zurückgreifen, in der sie noch nicht gespalten waren, auf die deutsche Romantik.

Daß die Romantik noch beide Aspekte bei der Untersuchung von Texten miteinander verband, führt der Verfasser an Hand der überraschend zeitgemäß wirkenden Hermeneutik und grammatischen Interpretation Schleiermachers vor, die noch nie systematisch dargestellt worden ist. Bei Schleiermacher findet er tatsächlich Ansätze sowohl für jedes theoretische und praktische Einzelproblem wie auch für die Systembildung einer integralen Interpretationsmethode. Beim Vergleich mit zeitgenössischen Methoden beider Richtungen, deren Positionen als Aspekte in eine gegenüber Schleiermacher natürlich weitaus differenziertere integrale, Interpretationsmethode einzubringen wären, ergibt sich, daß die Literaturtheorie und Interpretationspraxis Sartres, vor allem seine Flaubert-Studie „Der Idiot der Familie“, für eine solches, Integration offen ist. Wie Sartre dabei die Subjekt-Objekt-Problematik bewältigt, gibt der Autor an: „So wie der Stil eines Autors unmittelbar, auf eine bestimmte Weltsicht und mittelbar auf eine Biographie zurückverweist, so verweist die Biographie ihrerseits auf umfassendere soziale Strukturen der Epoche, von denen sie wiederum durch verstehende Differenzierung abgehoben werden muß, damit hinter der Universalität des Entwicklungsstandes der intellektuellen und materiellen Produktivkräfte, der die Epoche prägenden sozialen Interaktionsweisen in Gesellschaft und Familie und so weiter das einzigartige Drama einer Kindheit oder eines ganzen Lebens sichtbar werden kann.“