ARD, Sonntag, 23. Juli, 21 Uhr: „Ein altes Modell“, Fernsehfilm aus der DDR von Ulrich Thein (Regie) und Joachim Nowotny (Buch).

Seit ein paar Jahren dürfen sie mehr sein als nur lieb und gebrechlich, die Alten im Kino und im Fernsehen – nicht gerade ,graue Panther“, aber nicht allesamt sonnige ‚Senioren“. „Lina Braake“ fällt einem ein oder ‚Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner“, Paul Mazurskys „Harry and Tonto“, Ilse Hofmanus „Eine alte Liebe“ und zumal Walter Bockmayers „Jane bleibt Jane“.

Zu dieser Entwicklung paßt ein zwei Jahre altes Fernsehspiel aus der DDR, das Ulrich Thein zum 70. Geburtstag des Schauspielers Erwin Geschonneck inszenierte: eine Hommage an Brechts ersten Matti, der in den fünfziger Jahten am Berliner Ensemble mit proletarischem Witz Rollen wie den Dorfrichter Adam im „Zerbrochnen Krug“ und den Feldprediger in der „Mutter Courage“ spielte. Später avancierte Geschonneck zu einem der populärsten Filmschauspieler der DDR, besonders unter der Regie von Frank Beyer: „Fünf Patronenhülsen“, ‚Nackt unter Wölfen“, „Karbid und Sauerampfer“.

Geschonneck war immer ein unsentimentaler Schauspieler, und der bleibt er auch in „Ein altes Modell“. Als renitenter, ständig grantelnder, aggressiv den Widrigkeiten des sozialistischen Alltags trotzender Rentner Bruno Nakonz beherrscht er den Film von der ersten bis zur letzten Einstellung. Mit Beharrlichkeit und Schläue („Ein alter Mann muß sich auskennen, sonst darf er nicht alt werden“), gelegentlich auch mit cholerischen Ausbrüchen betreibt er die Reparatur seiner zehn Jahre alten elektrischen Kaffeemühle: ein fast hoffnungsloses Unternehmen angesichts der allgemeinen Bürokratie und indifferenten Schlampigkeit. So hilft denn schließlich auch nur ein märchenhafter Zufall dem störrischen Alten, der von Angelscheinen so wenig hält wie von Verkehrsampeln und sich partout nicht an die neue Lumumba-Straße in seiner Kreisstadt gewöhnen kann.

Natürlich hält sich die Kritik am „real existierenden Sozialismus“ in augenzwinkernd-kabarettistischen Grenzen, der Witz der eher durchschnittlichen Inszenierung wirkt gelegentlich überanstrengt, aber es macht Spaß, Erwin Geschonneck zuzusehen: einem großen Schauspieler, der die kleinen Verhältnisse fast zum Tanzen bringt. Für genau siebzig Minuten.

Hans C. Blumenberg