Henry Ford feuerte wieder einen Top-Manager, um seine Macht zu retten

Wer wird Nachfolger von Henry Ford II? Vor einer Woche entschied sich, wer es nicht sein wird: Udo Anthony (Lee) Iacocca. Der bisherige Generaldirektor des Ford-Konzerns wurde in die Wüste geschickt. Ford gab dem erst 53jährigen Spitzenmanager einen Tag Zeit, seinen Rücktritt in den Ruhestand bekanntzugeben.

Die Entscheidung Fords stieß im Verwaltungsrat des Konzerns auf erheblichen Widerstand. Nach einer stürmisch verlaufenen Sitzung entschieden sich die Direktoren dann aber doch, Henry Ford seinen Willen zu lassen. Tags darauf fuhr Iacocca zum letzten Mal in sein Büro.

Iacocca ist einer der Stars in der amerikanischen Auto-Metropole Detroit. Er ist für seine modisch gestreiften Maßanzüge und seine dicken Zigarren nicht weniger bekannt als für seinen Erfolgsriecher und seinen Machtinstinkt, Sein Gespür für die Wünsche amerikanischer Aufkäufer bewies Iacocca mehrfach. Beispielsweise setzte er den Bau des legendär gewordenen sportlichen Mustang durch, dessen Markterfolg von keinem anderen Ford-Modell wieder erreicht wurde. Sein Verdienst ist auch die Entscheidung, mit dem Pinto schon vor Jahren den ersten Ford-Kleinwagen herausgebracht zu haben. Wegen der Feuergefährlichkeit seines Tanks erweist sich der Pinto zwar inzwischen als ein höchst problematisches Produkt, das dem Image von Ford schweren Schaden zugefügt hat. Aber wegen der beträchtlichen Gewinne, die der Pinto mit den Jahren einfuhr, reiht man bei Ford den Wagen ebenfalls in die Erfolgbilanz von Iacocca ein.

Was also hat Iacocca falsch gemacht, daß er nach 32jähriger Zugehörigkeit zum Ford-Konzern kurzerhand an die Luft gesetzt wurde? Einem Augenzeugen zufolge soll Henry Ford auf diese Frage Iacoccas geantwortet haben: „Ich kann Sie einfach nicht ausstehen.“ Der Mangel an Sympathie für seinen Generaldirektor hängt sicherlich mit der Furcht Henry Fords zusammen, daß er und seine Familie die Kontrolle über Ford verlieren könnten. Schon in der Vergangenheit mußten überragende Manager erfahren, daß ihre Brillanz sie für eine dauerhafte Führungsrolle neben Henry Ford disqualifizierte. James Couzens, der kürzlich verstorbene Charles Breech – er rettete den Konzern bei Kriegsende vor dem Untergang –, Charles Sorenson und Robert McNamara – sie alle verließen mehr oder minder unfreiwillig ihren Posten, weil Henry Ford nicht in ihren Schatten geraten wollte. „Vergeßt nicht, wessen Name am Firmengebäude steht“, pflegt Henry Ford zu sagen, wenn er sich bei Auseinandersetzungen in die Ecke gedrängt fühlt, Dennoch, mit seinen 61 Jahren muß er sich nun mit dem Gedanken vertraut machen, den Chefsessel irgendwann einem Jüngeren zu überlassen. Sein Sohn Edsel gilt als Kronprinz. Aber der ist erst 29, noch nicht reif für die Führungsrolle. Und Henry Ford fürchtete offensichtlich, Iacocca hätte diese Führungslücke so gut aufgefüllt, daß Sohn Edsel die Fäden bei Ford nie in die Hand bekommen hätte.

Aber, Iacoccas Rausschmiß hat auch andere Ursachen. Für die Ford Motor Company ist das Jubiläumsjahr 1978 – die Firma wurde 75 Jahre alt – zu einem Jahr der Krise geworden, obwohl die Gewinne Rekordniveau erreicht haben und die Produktions- und Verkaufsmaschinerie weltweit auf Hochtouren läuft. Die Unternehmensführung wird verdächtigt, sich Kontrakte mit dem Staat von Indonesien mit Bestechungen in Millionen-Höhe erkauft zu haben. Außerdem wird das Ford-Management beschuldigt, am Brandtod Hunderter von Pinto-Passagieren mitschuldig zu sein. Angeblich hat man bei Ford nämlich gewußt, daß der Pinto-Tank extrem feuergefährlich ist, und trotzdem an Sicherheits-Vorkehrungen gespart, die nur wenige Dollars pro Auto gekostet hätten. Henry Ford selbst wird zudem vor Gericht beschuldigt, von einem Ford-Lieferanten Schmiergelder genommen zu haben. Beobachter glauben, daß er fürchtet, Iacocca hätte – bei einem Machtkampf – von brisanten Informationen Gebrauch machen können.

Die größten Chancen, Iacoccas Posten zu erben, werden William O. Bourke eingeräumt; er leitete bisher den Unternehmensbereich Nordamerika. In den Pressemappen zur Präsentation des neuesten Ford Mustang wurden jedenfalls die Bilder, in denen Iacocca neben dem neuesten Mustang posierte, gegen Photos ausgetauscht, auf denen Bourke in die Linse lächelt.