Von Barbara v. Jhering

New York

Für den Kongreßabgeordneten Hamilton Fish sollte dies ein Tag werden wie jeder andere: Post, Plenum, Telephonate, Akten. Bis ihm ein Trupp von Wählerinnen den Plan gründlich durcheinander brachte. Sie kamen ins Büro geschneit, um über das Equal Rights Amendment (EPA) zu diskutieren, einen Zusatz zur amerikanischen Verfassung, der die Gleichheit der Geschlechter vor dem Gesetz festschreiben soll. Nach und nach erschienen weitere Besucherinnen mit dem gleichen Anliegen, das Büro wurde zu klein, schließlich sah sich der Abgeordnete Fish in einem Konferenzsaal 500 Frauen gegenüber, die ihn zweieinhalb Stunden mit Fragen bombardierten.

An die 3000 Feministinnen hatten an diesem Tag das Kapitol gestürmt. Sie saßen auf Treppenstufen, blockierten Wandelgänge, fielen Vorzimmerdamen auf die Nerven und sprachen Abgeordnete an, die nichtsahnend zur Mittagszeit ihr Zimmer verließen. Lobby im Großangriff.

Mit der gleichen disziplinierten Bestimmtheit waren die Frauen am Tag zuvor für ihr Recht auf die Straße gegangen. Bei der größten Demonstration, die Washington seit Vietnamtagen gesehen hatte – die Polizei schätzte die Teilnehmer auf 65 000 bis 100 000 –, hatten sie den Wortlaut des Verfassungszusatzes auf Bannern vor sich her getragen: „Gleiches Recht vor dem Gesetz darf niemandem von den Vereinigten Staaten oder den Einzelstaaten auf Grund des Geschlechts verneint oder beschnitten werden.“

Trotz glühender Hitze waren die Demonstrantinnen und Rednerinnen aus allen Teilen des Landes herbeigereist. Manche hatten 400 Dollar für den Flug von Kalifornien ausgegeben, andere hatten sich 20 Stunden in einen Bus gezwängt. Während des Zugs zum Kapitol trugen sie meist weiße Kleidung zur Erinnerung an den Marsch der Suffragetten von 1919, der Amerikas Frauen ein Jahr später das Wahlrecht eingebracht hatte. „So viele Männer hatten wir damals natürlich nicht dabei“, sagte die 83jährige Lilian Grigg mit einem beifälligen Blick auf die vielen männlichen Feministen, die diesmal mit den Frauen marschierten.

Ob Veteranin oder Enkelin: Die Befürworter des ERA haben allen Grund zur Besorgnis. Seit der Verfassungszusatz 1972 vom Kongreß gebilligt und an die Bundesstaaten zur Ratifizierung weitergegeben worden war, haben ihn erst 35 Staaten ratifiziert (davon 34 noch in den ersten zwölf Monaten). Drei Staaten fehlen noch bis zur nötigen Zweidrittelmehrheit, und die vom Kongreß gesetzte Frist läuft am 22. März 1979 ab. Nachdem schon wirtschaftlicher Boykott und intensive Lobbyarbeit bisher wenig gefruchtet haben, versuchen die ERA-Anhänger jetzt, eine Verlängerung der Ratifizierungsfrist durchzusetzen. Ob eine solche Änderung der Spielregeln überhaupt möglich ist, weiß nicht einmal Mr. Fish, der im Rechtsausschuß sitzt.