Teurer Besuch bei der Loreley

Vielen Franzosen scheint eine Ferienreise in die Bundesrepublik unerschwinglich, seit der Franc gegenüber der Mark so stark an Wert verloren hat.

Pariser Metro-Benutzer kommen kaum daran vorbei. In 150 Stationen wird ihnen, umrahmt von verlockend bunten Plakaten, empfohlen: "Besuchen Sie Deutschland." Doch viele Franzosen reagieren auf die Einladung ebenso spontan wie resigniert: "Das kann sich ein normaler Sterblicher doch gar nicht leisten!"

In der Tat ist es schwierig geworden, deutschen Tourismus in Frankreich zu verkaufen. Frank Henning Schreiber, Direktor des Pariser Büros der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), nennt das Dilemma beim Namen: "Unser größtes Problem ist der Wechselkurs." Der Franc hat in den letzten Jahren soviel Boden gegenüber der Mark verloren, daß Reisen in die Bundesrepublik vielen Franzosen unerschwinglich scheinen.

Die Statistik bestätigt diese Zurückhaltung: 1977 war die Zahl der Übernachtungen von Franzosen beim deutschen Nachbarn mit 1,4 Millionen, fast auf den Stand von 1963 zurückgefallen, während etwa die Holländer mit ihrem stabilen Gulden im gleichen Zeitraum ihre Übernachtungsziffern (1977: 4,46 Millionen) nahezu verdreifachten.

In der Pariser DZT-Filiale an der Place de l’Opéra herrscht allerdings keine Panikstimmung Gewiß, der Touristenstrom ist weit hinter der Entwicklung des Warenaustauschs zurückgeblieben. Außerdem gaben die deutschen Frankreich-Besucher 1976 mit rund zwei Milliarden Mark doppelt soviel aus wie französische Gäste in der Bundesrepublik, während Mitte der sechziger Jahre der Ausgabenstrom noch ausgeglichen war. Und Wilhelm Braun, bis zum vergangenen Frühjahr oberster deutscher Reisewerber an der Seine, räumt etwas wehmütig ein: "Familien, die früher, mit drei Kindern zwei Wochen in den Schwarzwald fuhren, gibt es immer weniger."

Doch das Minus von 2,5 Prozent für 1977 gilt noch als passables Ergebnis. "Schließlich hat der Franc von Mitte 1976 bis Ende 1977 fast ein Viertel seines Werts zur Mark eingebüßt", heißt die Erklärung. Um den rückläufigen Trend zu stoppen, scheut die Werbung nicht vor gängigen Klischees zurück. "Deutschland, das Land der lebendigen Romantik", heißt in diesem Jahr der offizielle Slogan. Es ist wohl auch kein Zufall, daß bei der Metro-Werbung (Kosten etwa 90 000 Francs) zuerst riesige Fraktur-Buchstaben ins Auge stechen.

Solche "typisch deutschen" Attribute kommen der Vorstellung vieler Franzosen entgegen, die vor allem auf der Suche nach Loreley und Sauerkraut den Schritt über die Grenze vagen. Orte wie Rüdesheim, Heidelberg oder Neuschwanstein sind bei unseren Nachbarn genauso beliebt wie bei Amerikanern und Japanern. Die Werbetexter verhießen sogar noch mehr als Romantik: "Es gibt Ferien und Ferien. In Deutschland sind Ferien wie ein Abenteuer."

Teurer Besuch bei der Loreley

Rund 400 000 Francs hat die Zentrale für Tourismus, die selbst nicht als Reiseveranstalter auftritt, in diesem Frühjahr und Sommer allein für die Anzeigenwerbung ausgegeben. Beim Locken mit Romantik und Abenteuer bleibt es aber nicht. Bewußt wird auf Anzeigen und Plakaten auch stets angegeben, zu welchem Preis das Ferienvergnügen zu haben ist. Braun: "Wir wollen zeigen, daß Deutschland noch preiswert ist."

Unter den erschwinglichen Vorschlägen werden vor allem die Ferien auf dem Bauernhof langsam populär, obwohl diese Form des Urlaubs in Frankreich nur wenig bekannt ist. Gleiches gilt für die Übernachtung mit Frühstück bei Privatpersonen, für die meisten Franzosen eine Entdeckung, die sie im eigenen Land kaum machen können.

Die Zeiten, als nach Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags vor fünfzehn Jahren die französischen Übernachtungen in der Bundesrepublik drei Jahre lang um je dreißig Prozent nach oben schnellten, scheinen endgültig vorüber. Hinweise auf billige Kinderteller oder preiswertes Benzin kommen gegen die teure Mark nicht an. Sogar die Bundesbahn, die für ein Touristenticket zum Pauschalpreis wirbt, verzichtete nicht auf eine bescheidene, aber unter Umständen kostspielige Fußnote: "Preise unter Vorbehalt erheblicher Wechselkursänderungen".

Klaus-Peter Schmid