Gerade noch rechtzeitig wurde in das wilde Hin und Her der abstrakten Argumentationen endlich eine konkrete Frage eingebracht: Wie viele Kinder hat der jeweilige Schreiber eigentlich? (Dieser hat drei.) Zwar hat es solche Koppelung von Kompetenz mit Kinderreichtum bisher noch kaum gegeben, aber sie kommt nicht von ungefähr. Denn es geht um die Kinder, von denen viele offenbar den Ansprüchen der Erwachsenen, zum Beispiel ihrer Eltern, oder, zum Kummer dieser Eltern, den Ansprüchen der Schule nicht genügen. Die Fragen, ob das heute signifikant anders ist als vor zwanzig oder fünfzig Jahren, und, falls ja, ob die Schule oder Schulreformversuche damit etwas zu tun haben, müssen noch geklärt werden.

Als Hechte in den Karpfenteich der Bildungsplaner hat der Philosophie-Professor Hermann Lübbe „neun Thesen zur Erziehung“ losgelassen, die auch von den Professoren Robert Spaemann und Nicolaus Lobkowicz, von dem Historiker Golo Mann, vom ehemaligen Stuttgarter Kultusminister Wilhelm Hahn- und vom Stuttgarter Rundfunkintendanten Hans Bausch unterzeichnet worden sind. Diese polemischen Thesen – die im Grunde, was die Sache erst recht verwirrend macht, Anti-Thesen waren zu gemutmaßten Erziehungs-Thesen – wurden in der ZEIT Nr. 23 von dem Philosophie-Professor Ernst Tugendhat einer Kritik unterzogen, die ihrerseits polemische Töne nicht scheute. In der ZEIT Nr. 26 wurden zwei Stellungnahmen von Betroffenen (Robert Spaemann und Golo Mann) und sechs Leserbriefe abgedruckt. Die Kämpfe auf der Leserbriefe hinter den Kulissen gehen weiter, dauernd klingeln in der ZEIT-Redaktion noch mehr Telephone als ohnehin, persönliche Invektiven sind von sachlichen Argumenten für Nicht-Eingeweihte oft nur noch schwer zu trennen. Hilfreich dabei ist eine im Gebiet der Bildungspolitik leider weitverbreitete Sprache, die – wie es unsere Leserin Sigrid Voss, Studentin der Pädagogik, völlig richtig beschrieben hat – sich „nicht verifizierbarer Abstrakta“ bedient.

Worum es im Grunde geht, ist einfach genug zu sagen. In den neun Thesen wird „Mut“ zu einer „Erziehung“ gefordert, die sich wieder an festen Werten orientiert. Mit noch einfacheren und daher noch anfechtbareren Worten: Die Kinder sollen nicht nur zweifeln, sondern auch wieder glauben lernen. Kritische Aufklärer sehen in solchen Forderungen den vielbeklagten „backlash“, die „Tendenzwende“, einen restaurativen Rückschritt in die Zeiten von Thron und Altar. Die wohlmeinenden Vertreter der neun Thesen können, sich der Bundesgenossenschaft finsterer Reaktionäre kaum erwehren; die liberalen Vertreter der Anti-Thesen können über die Begleitung von marxistischen Durch-Institutionen-Marschierern auch nicht uneingeschränkt glücklich sein. Gerade deswegen wäre es wichtig, genau zu sein. Wir haben so etwas vor für die Zeit und die ZEIT, wenn im Herbst Schüler, Eltern, Lehrer, Studenten, Professoren, Bildungsplaner wieder aus den Ferien zurückgekommen sind, wenn also über Mut und Feigheit in der Erziehung wieder diskutiert werden wird.

Bis dahin soll dieser Themen-Komplex hier zunächst einmal abgeschlossen werden durch zwei Stimmen aus den feindlichen Lagern, die sich dadurch auszeichnen, daß beide versichern, den Gegner zu respektieren; die sich auch bemühen, ganz konkret einen Spaten einen Spaten zu nennen. Freilich: Ehe alle Schüler, Eltern, Lehrer merken können, daß es hier für sie um wichtige, für manche um die derzeit wichtigsten Lebensfragen geht, müssen die Philosophen und die Pädagogen und wohl auch die Journalisten es noch lernen, genau das zu sagen, was sie meinen, ganz genau. Es könnte sich dann herausstellen, daß eine Einigung in der Mitte möglich ist, aus der kleine Randgruppen herausfallen als das, was sie sind: Extreme. Leo