Wo immer in den letzten zwei Jahren das sowjetische Politbüro auftrat, blickte ein hochgewachsener, fast jugendlichen Optimismus ausstrahlender Mann dem alternden Leonid Breschnjew über die Schulter. In der Hierarchie der Kreml-Führung erschien er auf Photos hinter Breschnjew, Kossygin, Suslow und Kirilenko, kein offizieller Kronprinz, aber der erste Anwärter der nachfolgenden Generation, der jüngste Mann im engsten Zirkel der überalterten Kreml-Führung. Ausgerechnet ihn, den 60jährigen Fjodor Kulakow, hat nun der Herztod ereilt.

Ohne Zweifel hatte er ein gewaltiges Pensum zu erledigen. Als Leiter der ZK-Abteilung für Landwirtschaft war Kulakow für das größte Sorgenkind des Landes zuständig. Wie außer ihm nur Generalsekretär Breschnjew, Suslow und Kirilenko übte er die Doppelfunktion eines Spezialsekretärs und eines Vollmitglieds des Politbüros aus, zwei Ämter, die ihm alle Chancen eröffneten, zur Spitze vorzustoßen.

Kulakows Karriere war um so erstaunlicher, als er seinen Aufstieg weder Breschnjew noch Suslow verdankte. Als er im Februar dieses Jahres zu seinem 60. Geburtstag neuerlich zum „Helden der sozialistischen Arbeit“ gekürt wurde, waren die Lobesworte des Politbüros herzlicher und umfangreicher als bei gleichen Anlässen für viele andere wichtige Politbüro-Mitglieder. Wenn es in der spröden Kreml-Hierarchie überhaupt so etwas wie einen „Liebling“ und eine Hoffnung der Partei gegeben hat, dann war es wohl Fjodor Kulakow. C. Sch.-H.