Der Rentner Karl J. war soeben von einem Herzinfarkt genesen, da befiel ihn die Grippe. Arglos schluckte der 69jährige, des Liegens leid, beträchtliche Dosen an Aspirin. Tage später war Karl J. nicht mehr am Leben. Todesursache: innere Blutungen. Der Rentner hatte neben den Grippetabletten, von denen der Arzt nichts wußte, vorschriftsmäßig ein Medikament eingenommen, das nach dem Infarkt die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herabsetzen sollte. Der Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure verstärkt aber diese Wirkung wesentlich – ein für Karl J. tödliches Zusammenspiel.

Die Explosion der Forschungsergebnisse in der Pharmazie hat in den letzten Jahrzehnten immer neue hochwirksame Substanzen hervorgebracht, die Übersicht ist für Ärzte und Apotheker zunehmend schwieriger geworden. Mit dieser Entwicklung hat die Fahndung nach möglichen Wechselwirkungen nur mühsam Schritt gehalten. Viele gefährliche und auch nützliche „Arzneimittel-Interaktionen“ sind aber inzwischen bekannt.

Wenn eine Substanz resorbiert ist, wird sie über das Blut in die Gewebe gebracht und verteilt sich entsprechend ihren chemisch-physikalischen Eigenschaften. Voll wirken kann sie nur, wenn ihr die Bindung an bestimmte Plasmaeiweiße, vor allem an Albumide, gelingt. Will nun noch ein anderer Stoff seine geballte Aktivität entfalten, bricht ein Wetteifern um die Bindungsstellen aus – Dauer und Stärke der Wirkung werden entscheidend beeinflußt. Ähnliches kann bei der „Biotransformation“, der eigentlichen chemischen Umwandlung der Substanz, passieren.

Folge der Konkurrenz: Der Arzneimittel-Stoffwechsel wird gehemmt, Wirkungen verändern sich. So kann der schmerzstillende Stoff Pethidin die Wirkung bestimmter Antibaby-Pillen verlängern, und der Abbau von Schlafmitteln wird durch das Breitband-Antibiotikum Chloramphenicol gehemmt. Andererseits ist es heute bei der Behandlung einiger Infektionskrankheiten durchaus üblich, Penicillin mit einem Gichtmittel zu kombinieren, das den Wirkungsgrad des Antibiotikums beachtlich steigert. Aber die gefährlichen Wechselwirkungen sind in der Mehrzahl. Es grenzt an sträflichen Leichtsinn, daß die pharmazeutische Industrie sich bisher kaum bemüht hat, den Ärzten systematische Informationen über Wechselwirkungen zu geben. Der Waschzettel der einzelnen Präparate reicht dafür nicht aus, ebensowenig das Medikamentenverzeichnis „Rote Liste“.

Die Arbeitsgemeinschaft der Berufsvertretungen Deutscher Apotheker (ABDA) ist sich der Lücke bewußt. Sie stellte letzte Woche in Berlin ein Informationssystem auf Mikrofilm vor, das etwa tausend Arzneimittel (400 Substanzen) und deren Wirkungen untereinander erfaßt. 72 wissenschaftliche Monographien sind von Apothekerkommissionen in der Schweiz, Österreich und in der Bundesrepublik ausgewertet worden; die Ergebnisse wurden in übersichtlichen Tabellen geordnet.

Die technischen Voraussetzungen in den Apotheken sind gut, der Spezialitätenmarkt ist meist ohnehin auf Mikrofilm gespeichert. Nach Meinung der Verbandsfunktionäre wird sich die Liste schnell durchsetzen. Dienst am Kunden und Aufbesserung des Apotheker-Images sollen bei „Mikropharm I“ – so die offizielle Bezeichnung des Systems – Hand in Hand gehen.

Dem Arzneimittelkonsumenten nützt die mikrogefilmte Fleißarbeit vor allem dann, wenn er seine Pillen immer aus derselben Apotheke bezieht. Verschreibt der Internist ein Herzmittel vom-Typ der Beta-Blocker, ohne von der gleichzeitigen Rheumatherapie durch den allgemeinen Arzt zu wissen, kann der Apotheker theoretisch als Kontrollinstanz eingreifen und beide Doktoren informieren. Das alles erfordert freilich Zeit und sehr individuelle Bedienung – die Praxis muß erst zeigen, ob die Idee sich tatsächlich umsetzen läßt.

Vor allem gehört die Interaktionen-Liste in die Hand der Ärzte, die – entgegen in der Fachpresse geäußerten Argwöhnungen – genau wie jeder andere Interessierte die Liste kaufen können – vom Herbst an für 135 Mark auch auf Karteikarten. Gero v. Boehm