Ludwig Harig, Lion Feuchtwanger, Kurt Seeberger nähern sich einem Unnahbaren

/ Von Rolf Michaelis

Je näher man diesem fremden Menschen kommt, der vor zweihundert Jahren gestorben ist, desto ferner rückt er. Mit jedem Buch, das Einzelheiten von Leben und Werk erklärt, wird das Rätsel Jean Jacques Rousseau größer.

Ist der ein Revolutionär, der die von den Aufklärern geforderte Alleinherrschaft des Verstandes ablehnt, vom „denkenden Herzen“ schwärmt, dem Gefühl Altäre baut, aus der höfischen Stadt-Kultur der Rokoko-Zeit in die freie Natur flieht und den Sturm auf die Bastille mit solchen Sätzen gegen das Feudalsystem des Ancien Regime vorbereitet: „Nur unter dem bäuerischen Wams eines Landmannes und nicht unter der Goldstickerei eines Hofmannes wird man Körperkraft und Leibesstärke finden“? Oder ist der ein Reaktionär, der schreibt: „Unsere Seelen sind in dem Maße, in dem unsere Wissenschaften und Künste zur Vollkommenheit fortschritten, verdorben worden ... Allmächtiger Gott, erlöse uns von den Kenntnissen und den unheilvollen Künsten unserer Väter und gib uns die Unwissenheit, die Unschuld und die Armut zurück!“

„Fast ein Heiliger“, so erscheint Rousseau dem deutschen Schriftsteller Ernst Glaeser; „niederträchtiger Kerl“, der in eine „Strafkolonie“ gehöre, so wetterte in London Samuel Johnson gegen seinen Zeitgenossen, dessen Bücher in ganz Europa mit fiebernden Händen, seufzenden Herzen, feuchten Augen gelesen wurden.

Und er selber, der Schriftsteller und Philosoph und Komponist und Pädagoge und Botaniker und Psychologe und Gesellschaftskritiker, der auf der Berufsbezeichnung „Notenkopist“ bestand, weil er sich bis ins Alter mit dem Abschreiben von Partituren sein Geld verdiente – wie sah er sich selber, der sich in einem großen Dialog in Jean Jacques und in Rousseau spaltet, um über sich selber zu Gericht zu sitzen? „Zwei fast unvereinbare Dinge verbinden sich in mir in einer mir völlig unbegreiflichen Weise: ein feuriges Temperament, heftige, ja stürmische Leidenschaften und nur langsam entstehende unklare Gedanken, die sich niemals im richtigen Augenblick einstellen. Man könnte sagen, mein Herz und mein Verstand gehörten nicht zu ein und demselben Menschen... Ich weiß nur, was ich fühle.“

Nur in einem stimmen alle überein, die das Leben des 1712 geborenen Genfer Uhrmacher sohnes erzählen: Rousseau, dessen letztes Buch den Titel trägt: „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, war ein großer Wandersmann, glücklich nur, wenn er mit Botanisiertrommel und Knotenstock durch die Natur streifen konnte: „Niemals habe ich soviel gedacht, nie bin ich von der Tatsache meines Lebens ... so erfüllt gewesen wie auf meinen einsamen Fußwanderungen. Das Gehen hat etwas, was meine Gedanken erregt und belebt; wenn ich mich nicht bewege, kann ich kaum denken, mein Körper muß gewissermaßen in Schwung geraten, um auch meinen Geist zum Schwingen zu bringen.“