Auch Zitate haben ihre Geschichte. Von einem der angeklagten Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 vor dem Volksgerichtshof ist ein mutiges Wort überliefert, das den Nationalsozialismus mitten ins Herz traf: Hitler, so lautet es dem Sinne nach, sei „die Inkarnation des Bösen“. Der es, den Tod vor Augen, dem Blutrichter Roland Freisler entgegen schleuderte, war der Legationsrat Hans-Bernd von Haeften, Sohn eines preußischen Generalstabsoffiziers.

Erst 34 Jahre danach wird der genaue Wortlaut des berühmten Zitats bekannt. Nach jahrelanger Suche hat der Berliner Filmproduzent Bengt von zur Mühlen im Ausland die vollständige, in Bild und Ton einwandfreie Kopie (6000 Meter) jenes Films entdeckt, den Propagandaminister Goebbels zur Abschreckung des Volkes von den Verhandlungen drehen ließ. Später wurde daraus eine „Geheime Reichssache“; Negative und Kopien mußten vernichtet werden.

Einige Kopien aber waren in verbündete und neutrale Länder geschickt worden. Fragmente davon liegen im Bundesarchiv Koblenz; das Nürnberger Tribunal bekam nur die Schnittreste zu sehen. Die „Chronos-Film“ in Berlin will für das nächste Jahr aus der Originalfassung einen abendfüllenden Dokumentarfilm herstellen. Das kurze Duell zwischen dem Nazi-Richter und dem Diplomaten ist darin eine der stärksten Szenen:

Freisler: Sehen Sie denn nicht ein, daß, wenn ein Volk schwer ringt und wenn dann einer von den wahrscheinlich Tausenden von Obersten, die es in der Armee dieses Volkes gibt, einer solchen Meinung ist, Verrat ist, irgendwie abzuweichen von der Treue gegenüber dem Führer.

Haeften: Diese Treuepflicht habe ich nicht mehr empfunden.

Freisler: Aha. Das ist also klar, Sie haben sie nicht mehr empfunden und sagen, wenn ich keine Treue empfinde, dann kann ich es auch nicht als Verrat ansehen.

Haeften: Nein, nein. So ist es nicht ganz. Sondern nach der Auffassung, die ich von der weltgeschichtlichen Rolle des Führers habe, nämlich daß er ein großer Vollstrecker des Bösen ist, war ich der Auffassung...