In den Morgenstunden des 17. Februar 1977 wurde der Adjutant der niederländischen Reichspolizei Lendert Verkait über Autotelephon in die Nähe von Akersloot gerufen. Auf einem Seitenweg der von Amsterdam nach Norden führenden Provinzialstraße fand er einen Toten vor, der in einer großen Blutlache lag. Verkaits erster Eindruck: Der Mann war mit einem schweren Gegenstand erschlagen worden. Die größte Schwierigkeit Verkaits und seiner Kollegen: Von einem kleinen Zettel mit einer Telephonnummer und einem deutsch klingenden Straßennamen abgesehen, gab es keinen Hinweis darauf, wer hier zu Tode gekommen sein mochte.

Einige Tage später las in Hamburg-Wilhelmsburg eine Frau Zeitung. Plötzlich sagte sie zu dem siebenjährigen Sohn ihrer Nichte, den sie, wie schon oft, bei sich beherbergte: „Guck mal, das ist doch dein Vater.“ Der Junge erkannte seinen Vater ebenfalls auf dem Bild, das ihm die Tante zeigte. Es handelte sich um eine Photographie der Leiche, die dem Adjutanten Verkait Kopfzerbrechen gemacht hatte. Das Kind sagte: „Ich weiß, wer ihn umgebracht hat. Onkel Karl-Heinz hatte Blut an der Jacke. Ich geh’ zur Polizei.“ Die Frau hielt den Jungen zurück. Sie sagte: „Das laß man. Das machen die schon. Geh jetzt spielen.“

Die niederländische Polizei gab so schnell nicht auf. Sie ließ, um Beweismittel sicherzustellen, sogar das Wasser aus einem Kanal ablaufen. Der „schwere Gegenstand“ wurde nicht gefunden, dafür aber ein Messer, mit dem die Täter dem Opfer ebenfalls zugesetzt hatten, und ein Stück roter Plastikschnur, mit dem es offenbar stranguliert worden war. Aufschluß über den Toten brachten schließlich seine Fingerabdrücke. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden hatte sie registriert. Die Daten: Komander, Franz Eduard, 32 Jahre alt, zuletzt wohnhaft in Hamburg-Wilhelmsburg.

Und der siebenjährige Frank Komander, Sohn des Franz Komander, war nicht spielen gegangen, als seine Tante ihn dazu aufforderte, sondern zur nächsten Revierwache gelaufen. Der Tat verdächtig waren nach seiner Aussage und anderen Hinweisen seine damals 27jährige Mutter Angelika Komander, deren 35jähriger Freund Karl-Heinz Schäfer („Onkel Karl-Heinz“) und der 28jährige Joachim Mache, der mit den beiden anderen engen Umgang hatte. Nachzuweisen aber war ihnen nichts. Joachim Mache zum Beispiel hatte ein ziemlich sicheres Alibi. Er war am Mittag vor der Tat von Akersloot und am Morgen danach in Hamburg bei Ärzten gewesen.

Die Polizei, so sicher sie ihrer Sache war, legte den Tod des Franz Komander zu den Akten. Daß die Staatsanwaltschaft anderthalb Jahre später dem Schwurgericht trotzdem drei, wenn auch voneinander abweichende Geständnisse zuliefern und daran eine Anklage auf gemeinschaftlichen Mord knüpfen konnte, ist einer anderen Instanz zu danken, so sehr deren Wirken im Milieu der Angeklagten überraschen mag: den Erinnyen, den sonst angeblich nur von edlerer Schuld angelockten Plagegeistern.

War Angelika Komander nicht, wie es die Polizei zu Protokoll genommen hatte, am Abend nach der Tat mit Schäfer und Mache uneingeladen zu einer Familienfeier bei besagter Tante erschienen? Hatte sie nicht ausgelassen mitgefeiert, mitgetrunken, mitgetanzt? Hatte sie, mit einer anderen Tante walzend, nicht triumphiert: „Dies ist mein glücklichster Tag!“ Hatte sie nicht bald darauf ihren Freund Schäfer fallen lassen, als er beschuldigt wurde, mit Franz Komander zusammen zwei Banküberfälle begangen zu haben? Hatte sie Schäfer nicht sogar zunächst belastet und ihn dann mit einem – wie man jetzt weiß – falschen Eid wieder herausgepaukt? Hatte sie sich nicht andere Liebhaber genommen? Handelte sie nicht, was sie auch tat, eigensüchtig?

Trotz alledem war Angelika Komander am 8. November 1977, also neun Monate nach dem Tod ihres Mannes, bei der Kriminalpolizei erschienen und hatte erklärt, sie könne mit ihrer Schuld nicht mehr leben. Auch Alkohol und Tabletten bewahrten sie nicht länger vor ihren Gewissensqualen.