Von Brigitte Zander

Man kennt Amtsschemel und Chefcouchen, Vorzimmerthrone, Galeerenhocker, Ministersessel, Schleudersitze und Aufsteigerstühle. Deutschlands Büros verfügen über eine breite Palette unterschiedlichster Sitzmöbel: hölzernen, kunsstoffbezogenen, schaumgummigefütterten, wackligen und standfesten. Doch ein idealer Gesundheitsstuhl ist selten darunter. Etwa drei Viertel aller Arbeitnehmer verbringen ihren Berufsalltag sitzend. Doch die Mehrheit sitzt nicht richtig. Das ist die Meinung vieler Arbeitsmediziner, die sich mit den Stuhlproblemen der Werktätigen beschäftigt haben. Die arbeitsplatzbedingten Krankheiten durch ungesunde Sitzgestelle reichen von Bandscheibenschäden und Kopfschmerzen bis zu Sehnenentzündungen und schweren Muskelverkrampfungen.

Nach einer vom Bayerischen Arbeits- und Sozialministerium veröffentlichten Bürountersuchung klagen 57 Prozent aller Angestellten über Rückenleiden, 24 Prozent verspüren zusätzlich Dauerschmerzen im Nacken, und 29 Prozent der „Schreibtischtäter“ haben Probleme mit Oberschenkeln, Knien oder Füßen. Zu den von Ärzten registrierten Haltungs-Langzeitschäden durch falsches Sitzen summieren sich noch eine Menge einschlägiger Unfälle: Der Technische Aufsichtsbeamte der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft Hamburg, Dipl.-Ing. Gerhard Krafft, zählte pro Jahr allein über tausend meldepflichtige Unfälle, die auf unsachgemäße Drehrollstühle im Büro zurückzuführen waren.

„Optimale Arbeitsplätze muß man heute noch immer mit der Lupe suchen“, faßte Dr. Theodor Peters, Leiter der Dienststelle „Staatlicher Gewerbearzt“ für Westfalen und anerkannter Sitzplatz-Kritiker der bundesdeutschen Firmenlandschaft, auf einer DAG-Veranstaltung kürzlich seine negativen Eindrücke zahlreicher Betriebsbesichtigungen zusammen. Man hockt verkrampft auf der Stuhlkante, rutscht unsicher auf dem Hilfskissenpolster eines viel zu kurzen Stuhlgestells herum oder beugt sich von einem viel zu hohen Thron mit einem Katzenbuckel über die dazugehörige niedrige Arbeitsfläche.

Der Zürcher Professor Etienne Grandjean, der sich als Stuhl-Ergonom auch in der Bundesrepublik einen Namen gemacht hat, behauptet noch heute, daß fehlgeleitetes Hierarchiebewußtsein am Arbeitsplatz die Ursache vieler Sitzbeschwerden sei. „Die meisten Naturvölker kennen überhaupt keine Sitzmöbel. Sie kauern, knien oder hocken. Nur der Häuptling durfte – als Zeichen seiner Würde – auf einem Hocker erhöht Platz nehmen. Und diese Statusfunktion des Stuhls hat sich bis heute erhalten“, lamentiert der Schweizer. Man brauche sich bloß Prospekte von Bürofirmen durchzulesen; sie böten für jede Lohnstufe eine „angemessene“ Sitzfläche. „Und nicht selten sind für Dauersitzer wie Stenotypistinnen die einfachsten Möbel, für Sachbearbeiter dünn gepolsterte, für die Prokuristen dick gepolsterte Sitze, für die Direktoren hingegen schwenkbare Lehnsessel vorgesehen!“

In einer im Auftrag des Bayerischen Arbeitsministeriums zusammengestellten Fibel „Sitzen Sie richtig?“ fordert der Professor für alle Arbeitsplätze eine nivellierte Gesundheitsbestuhlung. Seine auf Grund medizinischer und ergonomischer Studien gefaßten Empfehlungen für entkrampftes Sitzen im Büro: Jeder Schreibtischsitz muß mindestens in der Höhe verstellbar sein, fest auf fünf Beinen, Rollen oder Gleitern stehen, und eine leicht gepolsterte, möglichst muldenartig geformte Sitzfläche mit abgerundeter Vorderkante aufweisen. Bürostühle mit verstellbaren Rückenlehnen brauchen eine hohe, große Stützfläche für die Lendenwirbelsäule. Für die Kurzbeinigen müssen Fußstützen vorhanden sein. Und der Abstand zwischen Sitz- und Arbeitshöhe sollte idealerweise zwischen 26 und 30 Zentimeter betragen. „Wenn die Unterarme sich auf der Tischplatte aufstützen, ist das beste Mittel gegen Sitzmüdigkeit gefunden“, meint Professor Grandjean.

Ähnliche Empfehlungen mit genauen Maßangaben enthalten die „Richtlinien für Büroarbeitsplätze“, die vom Fachausschuß „Verwaltung“ der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) in Hamburg herausgegeben wurden. Nach diesen Normen müssen alle Bürostühle bis 1980 (unter bestimmten Bedingungen bis 1985) umgerüstet werden.