Mit meiner Generation hat sich die Dietrich künstlerisch nie verbündet. Vielleicht, weil sie auch von uns glaubt, daß wir ihr lediglich um zu erfahren, ob sie sich noch bücken kann, Orchideen zu Füßen legen. Hier irrt sie ausnahmsweise. Wenn ich mir was wünschen dürfte, wären es Dietrich Lieder von den Narben der Weisheit, von Gesten, die müde geworden >sind vom verlorenen Paradies und paradiesischer Verlorenheit. Sie soll unser Zittern beim Namen nennen und die vielen kleinen Tode, die man Leben nennt. Wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre es auch, daß sie mir glaubt: daß ich sie liebe Andre Heller in einem vom "Spiegel" abgelehnten Essay über Marlene Dietrich als Sängerin, gefunden in der neuen Münchner Kulturzeitschrift "S A U!" , . Das Layout erinnert — gewiß nicht von ungefähr — an den schmuddeligen Charme von anonymen Erpresserbriefen. Und auch sonst will sich die laut Eigenreklame im "neo expressionistischen New Wave Stil" (was immer das sein mag) gestaltete Zeitschrift "SIAIU" von üblichen Kalturgazetten unterscheiden. In der ersten, gerade erschienenen Nummer findet sich eine eher chaotische Ansammlung höchst unterschiedlicher Texte. Besonders Filmemacher scheinen die "SIAIU!" (Abkürzung für "Spezkl Autoren Union") als Plattform attraktiv zu finden: Klaus Lemke erzählt einen ungedrehten Film aus dem Reeperbahnmilieu, Werner Schroeter steuert faksimilierte Arbeitsnotizen bei, Hans Jürgen Syberberg rechnet wieder einmal mit der deutschen Filmszene ab und bricht eine Lanze für das "Calafatti" Projekt seines Freundes Andre Heller, der wiederum eine etwas verschwommene Liebeserklärung an Marlene Dietrich beisteuert. Andere S! A !U! Autoren: Szege Reporfer Hermann Schreiber über New York, WolfWondratschek mit ein paar Häppchen neuer Lyrik, die Pop Sängerin Patti Smith mit einem unübersetzten Brief aus New York und diverse Nachwuchsautoren. Das alles ist arg chic, manchmal etwas pubertär, aber durchaus nicht ohne Reiz. Gemacht wird "S!A!U!" in München von den Journalisten Eckhart Schmidt und Ulrich Greiwe, die für die nächste Nummer einen Artikel von Roy Black über Dostojewski annoncieren. Mal sehen.

Der Rowohlt Verlag ehrt einen seiner bekanntesten Autoren mit einer Edition der "Gesammelten Werke in Einzelausgaben": Jean Paul Sartre. Im Lauf der nächsten Jahre werden in den Reihen "rororo" und "das neue buch" Neuauflagen der Werke in durchgesehenen Übersetzungen, vor allem aber zahlreiche bei uns noch unbekannte Texte zum erstenmal in deutscher Übersetzung erscheinen. Auf den jetzt erschienenen Band 2 der "Schriften zur Literatur" folgt noch in diesem Jahr Band l ("Der Mensch und die Dinge"). Zum erstenmal wird Sartres große Studie über Genet ("Saint Genet, Komödiant und Märtyrer") und unter dem Titel "Was kann Literatur?" ein Band mit allen späten literarischen Aufsätzen erscheinen. Alle Übersetzungen werden neu durchgesehen. Herausgeber — in Zusammenarbeit mit dem Autor — ist Sartres Übersetzer Traugott König. Der im Herbst in Frankreich erscheinende erste Band- der "Pleiade" Ausgabe mit erzählerischer Prosa, der viele auch in Frankreich noch unbekannte Texte enthält, wird in dieser Fassung von Sartres deutschem Verlag übernommen.

In der Bundesrepublik Deutschland liegen durchschnittlich ständig etwa 450 000 Kinder in Kliniken, Kinderkrankenhäusern, sind in Behindertenheimen oder anderen Therapiezentren untergebracht, auch während der Ferienzeit; und das nicht nur, weil sie jetzt gerade erkrankt sind, sondern auch, weil beispielsweise Eltern glauben, unaufschiebbare Operationen gerade in die Ferienzeit legen zu müssen, damit bei dem derzeitigen schulischen Leistungsdruck nicht wertvolle, notwendige Schulzeit verloren gehe. Die vom Arbeitskreis für Jugendliteratur betreute Aktion "Das fröhliche Krankenzimmer" bemüht sich darum, den Kinderkrankenhäusern und klinken kostenlos Büchereien mit guter Kinderund Jugendliteratur zur Verfügung zu stellen. Das Postscheck Sonderkonto der Aktion "Das "fröhliche Krankenzimmer": München 594 00— 808.

Bayern ist immer wieder gut für eine exotische Nachricht: die Schack Galerie wird geschlossen. Warum? Weil die benachbarte Staatskanzlei mehr Platz braucht, die Galerie weniger besucht ist, die wenigen Besucher aber andererseits für den nebenan residierenden Ministerpräsidenten eine Gefahr darstellen. Die Schack Galerie, man darf daran erinnern, ist die kleine exquisite Sammlung" der Spätromantik, erworben von einem Kunstliebhaber fflit Passion und Instinkt, dem Grafen Schack. Was er der Stadt München in und mit seinem Haus hinterließ (unter anderem 33 Bilder von Schwind, sechzehn von Böcklin, sechsundzwanzig von Lenbach, elf von Feuerbach, vier von Marees) ist jetzt zunächst dem Publikum entzogen, soll später irgendwo anders deponiert, vielleicht in die Neue Pinothek integriert werden. Daß ein so rüder Entschluß, mit dem die Aura einer Kunstsammlung zerstört wird, ausgerechnet aus München kommt, das sich (zurecht) auf seinen Sinn für Kultur (und Sentimentalität) zugute hält, läßt einen an einen Aprilscherz denken. Tatsächlich jedoch ist Juli.