Von Hermann Bößenecker

Vergangenes hielt sich hier länger als anderswo intakt und lebendig: Noch immer sind, wie seit Jahrzehnten, Schloß und Fabrik die Dominanten der Gemeinde Stein, unmittelbar vor den Toren Nürnbergs.

Schloß und Fabrik – jenes um die Jahrhundertwende im Jugendstil komplettiert, diese in den zwanziger Jahren als Musterbeispiel einer modernen Produktionsstätte errichtet – stehen beide gleichermaßen für die Tradition der 217 Jahre alten „Bleystefftmacher“-Firma A. W. Faber-Castell. Ein respektheischendes Gebäude-Ensemble, das an die Anfänge des Industriezeitalters erinnert und zudem ein gutes Stück Wirtschafts-Patriarchalismus konserviert.

Im Umkreis von Schloß und Fabrik hat der junge Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell, 37, seine frühe Jugend verbracht, ehe er ins Schweizer Internat überwechselte. Und auch als er später in der „Fremde“ an einer eigenständigen Karriere arbeitete, kreisten seine Gedanken doch immer wieder um die Probleme der Familie und ihres Unternehmens.

Schon in jungen Jahren mußte „Toni“ erfahren, daß sich „die Familie stets den unternehmerischen Interessen unterzuordnen“ hat. Als es dann in jüngster Zeit dem Unternehmen immer, weniger gut ging und überdies die Familie mit ihren Querelen und Konflikten böse Schlagzeilen machte, sah er sich mit einemmal in die Rolle des Erben verpflichtet, der das einst so distinguierte Haus in Ordnung bringen und dessen guten Ruf wiederherstellen sollte.

Als Anton-Wolfgang schließlich vor gut zwei Jahren sein Managerbüro in der Wallstreet, New Yorks vibrierendem Finanzzentrum, endgültig mit dem Chefstuhl der angeschlagenen Familienfirma im vergleichsweise provinziellen und langweiligen Stein „bei Nürnberg“ vertauschte, da schenkte der wohlinformierte Gesamtbetriebsratsvorsitzende dem Heimkehrer einen selbstgeschmiedeten eisernen Besen; als Requisit und ständige Mahnung hängt er seitdem neben dem Schreibtisch.

Der eiserne Besen schien dringend geboten: Hatte doch der international aktive Bleistift- und Schreibartikel-Konzern mit seinen viertausend Beschäftigten 1975 erstmals rote Zahlen geschrieben, nachdem die Gewinne schon lange alles andere als berauschend waren.